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    Digital ins Sommersemester IX

    05/19/2020

    Mit viel kreativem Potenzial agieren Lehrende und Studierende im digitalen Sommersemester. Trotz der Erfolge möchten sie mittelfristig nicht auf Präsenzlehre und persönlichen kritischen Austausch verzichten.

    Die Geographiedozentin Angela Tintrup findet es sehr reizvoll, in diesem Semester alle vorhandenen Techniken für die digitale Lehre nutzen zu dürfen.
    Die Geographiedozentin Angela Tintrup findet es sehr reizvoll, in diesem Semester alle vorhandenen Techniken für die digitale Lehre nutzen zu dürfen. (Image: privat)

    Im neunten Beitrag der einBLICK-Serie „Gute Beispiele für digitale Lehre“ kommen drei Dozierende aus der Philosophischen Fakultät zu Wort.

    Kunstgeschichte: Professor Stefan Bürger

    Stefan Bürger ist Professor für Kunstgeschichte und hat frühzeitig seine vier Seminare zum Sommersemester neu aufbereitet. In einem Einführungsseminar für Wissenschaftsterminologie beispielsweise lernen seine Studierenden Architekturbeschreibungen und werden aufgefordert, jede Woche zu einem Anschauungsobjekt hinzugehen und präzise Beschreibungen anzufertigen. „Dies bedeutet im aktuellen Ausnahmesemester für Würzburger Studierende den Gang zu Marienkapelle, Residenz oder Stift Haug – oder zu einem Bauwerk in Wohnortnähe, beispielsweise für eine koreanische Studentin den Besuch einer neogotischen Kathedrale in Korea“, sagt Stefan Bürger.

    Mit den Übungsaufgaben, die in dieser Form schon vor der Pandemie entwickelt worden waren, können die Seminarteilnehmer ihre Aufgaben vor Ort erledigen und im Homeoffice verschriftlichen. Dabei werden sie auch von Tutoren unterstützt. „Leider finden aber die sonst lebhaften Fehlerdiskussionen jetzt nur schriftlich statt“, so der Dozent.

    Für ein Epochenseminar zum Bauen in der Gotik hat Stefan Bürger mit viel Zeitaufwand die Arbeitsmaterialien umgestellt, sodass die Studierenden mit zahlreichen Verknüpfungen zu Filmen, Texten oder Bilddatenbanken von zuhause möglichst selbständig lernen können. „Auch für die Prüfung am Semesterende zum Thema Gewölbebau habe ich mir vorab viele Gedanken gemacht und ein Tutorial als Video produziert. In diesem veranschauliche ich mit Lineal und Zirkel Anleitungen zur Entwurfs- und Bautechnik einer komplexen spätgotischen Wölbkonstruktion“, so Bürger.

     „Ich sehe in diesem Semester eine große Chance darin, nicht einfach die alten Lehrformate zu digitalisieren, sondern vielmehr Methoden einzusetzen, die mir in der analogen Lehre bisher nicht in den Sinn gekommen wären“, so der Dozent. „Im klassischen Seminar sitze ich mit meinen Teilnehmern zwar persönlich in einem Raum und meine Fragen richten sich an alle Zuhörer. Dann melden sich die Engagierten zuerst und geben mit ihren Antworten eine bestimmte Richtung vor. Jetzt aber muss jeder seine eigene Antwort auf die gestellten Fragen bei mir einreichen – ein wunderbarer Effekt für eine breitere Diskussion!“

    Gerne nehme er sich – in dieser Ausnahmesituation – Zeit, um die Antworten ausführlich zu kommentieren und für das Plenum zur Verfügung zu stellen; pro Woche umfassen die Äußerungen schnell mal über 20 Seiten inklusive der Kommentare. „Ich sehe, dass die Antworten und Argumentationen eigenständiger ausfallen und die Diskussionen mehr Tiefgang gewinnen,“ so Bürger, „aber auch einen immensen Mehraufwand, der auf Dauer so nicht zu leisten ist.“

    Wie sieht es im Digitalsemester mit Exkursionen aus? Für die geplante Pflichtexkursion auf den Spuren der „Hansekunst“ an der Ostsee hofft Stefan Bürger auf die neuen Regelungen für Reisen in Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein. Die Exkursion in der Pfingstwoche könnte möglicherweise stattfinden – die kompliziertere Planung und Durchführung vor Ort führt zu einer außergewöhnlichen Mehrbelastung insbesondere des Institutssekretariats.

    In der Digitalisierung der Hochschullehre sieht Stefan Bürger, der die Gesamtentwicklung grundsätzlich eher skeptisch betrachtet, durchaus einige positive Effekte: „Die Digitalisierung soll nicht per se zum dauerhaften Ziel erklärt werden, sondern sie gibt uns jetzt unverhofft Gelegenheit zu überprüfen, welche Medienangebote wir künftig häufiger oder besser nutzen sollten. Und wie wir kontinuierlich unsere Lehrinhalte überarbeiten und überprüfen können. In den vergangenen Wochen habe ich schon viele wertvolle Tipps von Kolleginnen und Kollegen und auch von Studierenden erhalten.“

    Doch so interessant einige Medien- und Vermittlungsfragen auch sein mögen: „Hinter der Gesamtdebatte tritt der unmittelbare, zwischenmenschliche Kontakt in den Hintergrund, was ich als großen persönlichen Verlust und als Defizit mit wiederum ganz eigenen Problemen und Herausforderungen betrachte“, so Stefan Bürger.

    Ägyptologie: Professor Martin Stadler

    In der Ägyptologie stellt Professor Martin Stadler seine Vorlesungen auf asynchronen Modus und seine Seminare auf synchronen Modus um. Seine mit Audiokommentaren unterlegten Vorlesungspräsentationen stellt Stadler den Studierenden online über WueCampus zur Verfügung. „Jede Vorlesung ist eine Woche lang abrufbar. Das habe ich um der Gleichbehandlung willen so entschieden. So gelten für meine Studierenden die ungefähr gleichen Konditionen, um sich von Woche zu Woche vorzubereiten, wie für diejenigen, die vor Corona meine Vorlesungen besuchten und nur den Vortrag hatten“, sagt der Dozent.

    Spannend wird es laut Stadler Mitte Mai, wenn seine Fakultät eine Zwischenevaluation nach den ersten vier Wochen Digitalsemester anbietet: „In der klassischen Präsenzlehre haben Studierende oftmals mein Sprechtempo als zu hoch bewertet. Nun mit der asynchronen Vorlesungsvariante sollte dieses Problem behoben sein, denn man kann mein Video ja beliebig oft stoppen“, so Stadler.

    Besonders wichtig sei es in diesem Semester, sich auch die einzelnen Prüfungsergebnisse ab Ende Juli ganz genau anzusehen. Bis dahin werden die Vorlesungssequenzen von Woche zu Woche neu produziert. „Natürlich ist der Aufwand in diesem Semester deutlich höher, weil ich eine aufgezeichnete Vorlesung korrigieren kann, einen Versprecher in einem frei gehaltenen Vortrag nicht“, so Stadler. „Umso bedauerlicher ist es, dass das direkte Feedback an mich als Dozent spärlicher als gewohnt ausfallen wird. In einer Präsenzvorlesung sehe ich vielleicht an ratlosen Gesichtern, ob ich an den Studierenden vorbeirede, wenn sie sich nicht trauen zu melden, und kann die Gedankengänge nochmals anders formuliert ausdrücken.“

    In den Seminaren trifft sich der Ägyptologieprofessor per Videokonferenz mit seinen Studierenden. „Eine Hieroglypheninschrift einer Stele lässt sich live an den Bildschirmen gemeinsam entziffern, hierfür muss ich nur den Share-the-Screen-Button aktivieren. Im Gegensatz zur Präsenzlehre jedoch kommen die lebhaften Diskussionen und die spontanen Interaktionen viel zu kurz – aber gerade davon leben doch die Geisteswissenschaften“, so Stadler.

    „Zudem müssen wir bei der digitalen Lehre berücksichtigen, dass diese auch von der finanziellen Situation der Studierenden abhängt. Wenn sie sich keinen Telefonvertrag mit hohem Datenvolumen und hoher Übertragungsgeschwindigkeit oder einen PC mit ausreichender Ausstattung leisten können, wird die synchrone digitale Lehre sehr mühselig.“

    Für eine langfristige Perspektive bei der Digitalisierung der Hochschullehre kann sich der Ägyptologe durchaus vorstellen, Grundlagenvorlesungen verstärkt digital zu vermitteln, weil eine Vorlesung sehr stark Frontalunterricht sei. So verbliebe mehr Zeit für Kurse mit interaktiven Formen, die Diskussion und Gedankenaustausch zulassen. „Letztendlich wird aber der Anteil des Selbststudiums gleichbleibend hoch sein. Das gilt besonders für kleine Fächer wie die Altertumswissenschaften“, so Martin Stadler.

    Geographie: Dr. Angela Tintrup

    Als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Geographie bietet Dr. Angela Tintrup verschiedene Seminare im Online-Format für Bachelor- und Lehramtsstudierende der Geographie an. „Für den Kurs zu geographischen Informationssystemen haben wir alle Kräfte mobilisiert und bieten ihn nun für sechs Parallelgruppen mit insgesamt 120 Teilnehmenden an“, berichtet Tintrup. Für die Vermittlung von theoretischen Grundlagen hat die Geographin gemeinsam mit Kollegen zahlreiche Videoclips in den vergangenen Wochen erstellt: „Anhand der hochgeladenen Videos, die mit zahlreichen Tipps und Tricks angereichert sind, können sich die Studierenden für ihre selbständige Arbeit vorbereiten und ihre Hausaufgaben im Verlauf der Woche erledigen“, so Tintrup.

    Zur eigentlichen Seminarzeit kommen die Teilnehmenden dann in einer Videosprechstunde zusammen. Hier bespricht die Dozentin die Aufgaben, führt etwas live vor oder stellt Fragen zur Wiederholung und Vertiefung des Kapitels. Am Ende jeder Woche lädt sie ein eigens produziertes Lösungsvideo für alle im WueCampus-Kursraum hoch.

    „Ganz wichtig ist mir in diesem Semester, die Betreuung nicht einzuschränken. Wir wollen unsere Studierenden möglichst 1:1 wie in Präsenzzeiten betreuen“, erläutert Tintrup. Daher sei auch die Finanzierung von studentischen Hilfskräften aus dem Kompass-Tutorenprogramm sehr hilfreich, die sich im WueCampus-Forum intensiv um die Anliegen ihrer Mitstudierenden kümmern und mit eigenen Tutoren-Videosprechstunden aktiv sind.

    „Der Aufwand insbesondere für die Videoproduktionen ist wirklich hoch. Aber es macht mir richtig Spaß, mich in die technischen Details einzuarbeiten. Sehr geholfen hat mir dabei ein virtueller Kursraum des Rechenzentrums zur digitalen Lehre. Hier haben mir wildfremde Kollegen die besten Tipps gegeben. Wenn es brennt und man kollegiale Unterstützung erfährt, dann ist das eine ganz wunderbare Erfahrung“, berichtet die Geographin.

    Auch wenn die technischen Hürden inzwischen überwunden sind, sei in diesem Semester sehr viel Geduld nötig – sowohl von Studierenden als auch Dozierenden: „Ich bin ja keine Influencerin, die witzige Videos auf der Bettkante produziert. Auch ich bitte meine Studierenden um Offenheit, Lockerheit und viel Verständnis“, erzählt Angela Tintrup. Entsprechend gut sei bisher das Feedback ihrer Studierenden ausgefallen. Die meisten würden den hohen Aufwand zu schätzen wissen, jedoch auch gute Qualität einfordern. Wenn dann eine Studentin äußert, „das ist ja fast professionell, habe schon ganz andere Dinge gesehen“, fühlt sich die Geographiedozentin motiviert, mit derselben Intensität den Semesterbetrieb von Woche zu Woche aufrecht zu erhalten.

    „Ich finde es sehr reizvoll, in diesem Semester alle vorhandenen Techniken nutzen zu dürfen. Ich habe WueCampus schon immer gemocht, jetzt erst probiere ich viele weitere, nützliche Tools aus. Das finde ich einfach spannend“, so Tintrup. Zudem werde ein ganz besonderer Effekt in diesem Ausnahmesemester sichtbar: „Die Lehre bekommt neben der Forschung plötzlich einen ganz neuen Stellenwert. Jetzt endlich wird uns Lehrenden gegenüber die Aufmerksamkeit und Wertschätzung geäußert, die wir im Zusammenspiel von Forschung und Lehre bisher selten erlebt haben“, sagt die Dozentin.

    Website und Kontakt

    Die Philosophische Fakultät informiert Studierende und Lehrende auf ihrer  Webseite mit aktuellen Hinweisen zum Lehrbetrieb im Sommersemester 2020.

    Prof. Dr. Maria Eisenmann, Studiendekanin der Philosophischen Fakultät, T: +49 931 31-88529, maria.eisenmann@uni-wuerzburg.de

    Prof. Dr. Stefan Bürger, Institut für Kunstgeschichte; T: +49 931 31-84650, stefan.buerger@uni-wuerzburg.de

    Prof. Dr. Martin Stadler, Lehrstuhl für Ägyptologie, T: +49 931 31-82787, martin.stadler@uni-wuerzburg.de

    Dr. Angela Tintrup, Lehrstuhl für Geographie, T: +49 931 31-85549, angela.tintrup-suntrup@uni-wuerzburg.de

    By Annette Popp

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