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    Festrede von Jörg Hacker

    „Was ist Leben?“ Um diese Frage drehte sich die Festrede beim diesjährigen Stiftungsfest. Eine Antwort, die weit über die Biologie hinaus reichte, gab Jörg Hacker, bis 2008 Inhaber des Lehrstuhls für Molekulare Infektionsbiologie an der Universität Würzburg und heute Präsident der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina.

    Eigentlich sollte es doch so langsam kein Problem mehr sein, die Frage „Was ist das Leben?“ zu beantworten. Immerhin nimmt das Wissen um molekularbiologische Vorgänge in Zellen und bei der Vermehrung rasant zu. Trotzdem: „Eine allgemeine Definition fällt schwer“, sagte Jörg Hacker in seiner Festrede in der Neubaukirche.

    Zwar seien sich die meisten Wissenschaftler darüber einig, dass ein Lebewesen drei Kriterien notwendigerweise erfüllen muss, um als solches zu gelten: Es muss sich vermehren können, einen eigenständigen Stoffwechsel besitzen und über evolutionäres Potenzial verfügen – also sich weiterentwickeln können. Wobei der dritte Aspekt nach Hackers Worten nicht von ganz so hoher Bedeutung ist wie die ersten beiden.

    Für Klarheit und Einigkeit sorgen diese drei Voraussetzungen jedoch nicht. Schon bei Viren scheiden sich die Geister: Zählen sie zu den Lebewesen oder nicht? „Sie können sich vermehren. Das weiß jeder, der schon einmal eine Grippe durchlitten hat. Und sie haben evolutionäres Potenzial, weshalb wir jedes Jahr aufs Neue einen neuen Grippeimpfstoff entwickeln müssen“, so Hacker. Allerdings benötigen sie dafür den Schutz einer Wirtszelle; ohne diese können sie nicht dauerhaft existieren. Die Diskussion um Leben ist aus Sicht des Wissenschaftlers deshalb: „gut für begriffliche Feinheiten“.

    Synthetische Biologie bringt neue Probleme

    In jüngster Zeit stellt sich die Frage unter ganz neuen Vorzeichen, vor allem auf Grund der Entwicklungen in der Synthetischen Biologie. Seit Wissenschaftler im Jahr 2008 das Erbgut einer Bakterienart im Labor nachgebaut und zwei Jahre später sogar eine ganze Zelle synthetisiert haben, tobe in der Öffentlichkeit eine heftige Diskussion darum, ob Wissenschaftler Leben auf dem Reißbrett entwerfen dürfen. Angeheizt wurde die Debatte erst vor Kurzem, nachdem Forscher Eigenschaften zweier Grippevirenarten miteinander kombinierten und damit ein hoch ansteckendes Virus schufen, das gleichzeitig mit einer hohen Sterberate beim Menschen einhergeht.

    „Man muss vor solchen Experimenten intensiv über mögliche Konsequenzen nachdenken“, lautete Hackers Appell an die Wissenschaft. Ein staatlich angeordnetes Publikationsverbot hinterher werde nicht dazu führen, dass die entsprechenden Daten geheim blieben.

    Hacker jedenfalls sieht in der Synthetischen Biologie ein großes Potenzial: In der Grundlagenforschung ließen sich damit wichtige Erkenntnisse gewinnen; in der Medizin neue Therapien entwickeln. Mit Hilfe der Gentechnik Krankheiten zu heilen, hält er sogar für „ethisch geboten“. Eine klare Grenze zieht der Molekularbiologe jedoch selbst: Eingriffe in die Keimbahn sind seiner Meinung nach nicht vertretbar.

    Wann das Leben beginnt

    Wenn die Wissenschaftler schon nicht sagen können, was Leben ist: Können Sie dann wenigstens erklären, wann das Leben beginnt? Auch in diesem Punkt musste Hacker seine Zuhörer enttäuschen. Beginnt Leben, wenn Ei- und Samenzellen verschmelzen? Wenn sich das befruchtete Ei in der Gebärmutter einnistet? Bei der Geburt? „Naturwissenschaftler können auf diese Frage keine Antwort geben“, so Hacker. Die Antwort könne nur das Ergebnis einer demokratischen Entscheidung sein. In diesem Fall sei deshalb die Politik gefordert.

    Immerhin ist eins klar: „Menschliches Leben ist nicht im Wirken der Eiweiße zu beschreiben.“ Erst wenn Geist, Wissen und Sprache dazu kommen, könne von Leben gesprochen werden. Oder, anders formuliert: „Leben ist aus Sicht des Molekularbiologen Fortpflanzung, Stoffwechsel, evolutionäres Potenzial – und Selbstreflexion, Gewissensurteil und sprachliche Verständigung.“