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Deutsch Intern

    Tagebuch aus Rio de Janeiro – Teil 3

    06/24/2014

    Olivia Wallstein absolviert zurzeit ein Auslandssemester in Rio de Janeiro. Dort ist sie für den Masterstudiengang „ Business Management“ an der Fundação Getulio Vargas eingeschrieben. Außerdem ist sie großer Fußball-Fan und damit prädestiniert für Berichte aus Brasilien.

    Eigentlich ist Olivia Wallstein zum Studieren nach Rio de Janeiro gegangen. Momentan steht allerdings die Fußball-WM im Mittelpunkt ihres Interesses
    Eigentlich ist Olivia Wallstein zum Studieren nach Rio de Janeiro gegangen. Momentan steht allerdings die Fußball-WM im Mittelpunkt ihres Interesses

    12. Juni, 17.00 Uhr: Der Strand bebt. Soeben wurde das Spiel Brasilien gegen Kroatien angepfiffen – die „Copa do Mundo“ 2014 hat begonnen! Auch ich habe mich voller Vorfreude ganz in gelb gekleidet auf den Weg gemacht zum offiziellen Fifa-Fanfest am berühmten Copacabana-Strand. 20.000 Menschen finden dort Platz, doch schon zwei Stunden vor Anpfiff wird das Gelände wegen Überfüllung geschlossen. Auch ich bin zu spät dran und muss draußen bleiben. Glücklicherweise ist die Leinwand so groß, dass man sie auch von außen gut sehen kann.

    Große Freude und viel Sicherheitspersonal

    Das Public Viewing in Rio ist ein Erlebnis: Man steht barfuß im Sand und die Meereswellen schwappen einem sanft über die Füße. Aber nicht alle sind entspannt: Am Tag der Eröffnung kreisen beispielsweise acht Hubschrauber kontinuierlich über der Stadt, der Sicherheit wegen. Auch den Brasilianern ist die Anspannung ins Gesicht geschrieben; jeden beschäftigt die Frage, ob sich die Mannschaft und damit das Land blamieren würde. Als Oscar das erste Tor schießt, sind die Erleichterung und die Freude deshalb grenzenlos. Nach dem Spiel öffnet die Fan-Meile entlang der Strandstraße der Copacabana; mit einem Feuerwerk und unter dem kritischen Blick des Sicherheitspersonals feiern die Brasilianer bis spät in die Nacht.

    Am nächsten Tag schaffe ich es auf das Fifa-Fanfest und feuere ausnahmsweise die Holländer an, als sie Spanien unerwartet und haushoch „abfertigen“. Wie viele doch Spanien die Niederlage gewünscht haben! Einen Tag später komme ich mittags an einem großen Hotel direkt am Strand von Ipanema vorbei und sehe, dass dort große Aufregung herrscht. Ein Bus fährt vor und die holländische Nationalmannschaft steigt aus. Das Ceasar Park Hotel in Ipanema ist das Mannschaftshotel der Niederländer während der WM; gerade kommen sie vom Spiel gegen Spanien aus Salvador zurück. Die Spieler geben sich etwas verhalten, nur wenige lassen sich mit den Fans fotografieren oder geben Autogramme.

    Deutschland trifft auf Portugal

    Am 16. Juni ist es dann endlich soweit: Das erste Spiel der Deutschen steht an. In letzter Minute entscheide ich mich dagegen, das Spiel auf dem Fan-Fest anzuschauen. Ich befürchtet, dass dort Portugiesen in der Mehrheit sein werden. Zum Glück hat das deutsche Generalkonsulat zusammen mit dem Goethe-Institut in Rio vorgesorgt und eine Strandbar am nördlichen Ende der Copacabana kurzerhand zu einer deutschen Kneipe umfunktioniert. Das „Tor! Quiosque Alemã“ ist bereits um 11:30 Uhr sehr gut besucht; zum ersten Mal seit fünf Monaten bin ich wieder mit jeder Menge Deutscher zusammen.

    Zum Anpfiff ist die Kneipe rappelvoll; überraschenderweise sind auch viele Brasilianer da, die sich als große Fans von Deutschland outen. Fünf Kamerateams, unter anderem von ARD und ZDF, versuchen die Emotionen der Deutschen in Rio einzufangen. Das Spiel beginnt und nach zehn Minuten fällt der Strom aus. Bestimmt fünf Minuten lang gibt es kein Bild und keinen Ton, sodass wir das Elfmeter-Tor von Thomas Müller verpassen. Glücklicherweise hat meine brasilianische Sitznachbarin ihr Handyradio angeschaltet; auf diesem Weg erfahren wird dennoch vom ersten Tor der deutschen Mannschaft.

    Freibier für jedes Tor der Deutschen

    Die Bar hat versprochen, bei jedem deutschen Tor Freibier für alle zu spendieren... Ob sie mit vier Toren gerechnet hatte, wage ich zu bezweifeln. Immerhin sind die Zuschauer dank der vielen Treffer reichlich eingedeckt, auch wenn es ab und zu kurze Lieferengpässe gibt. Die Stimmung ist klasse, und auch die Brasilianer freuen sich riesig mit uns, auch wenn sie bei Sprechchören wie „Thomas Müller Fußballgott“ oder „Gib mir ein H, gib mir ein U....“ keine Ahnung haben, was diese bedeuten sollen.

    Grundsätzlich sind wir Deutschen hier in Brasilien sehr beliebt. Wenn ich mit dem Trikot auf der Straße rumlaufe oder erwähne, dass ich Deutsche bin, sind alle hocherfreut. Ich bekomme ein „Daumen hoch“, und beinahe jeder Brasilianer erzählt, dass er einen Verwandten oder Freund besitzt, der in Deutschland war oder derzeit ist, und fast alle finden unser Land toll.

    Das Chaos bleibt aus

    Die befürchteten Demonstrationen halten sich zum Glück in Grenzen und sind eher rückläufig, was mich sehr freut. Wie ich erwartet hatte, sind die Brasilianer nach dem Start der WM ganz heiß auf ihre Seleção und versuchen, wenigstens ein bisschen über die ganzen Skandale rund um die Weltmeisterschaft hinwegzusehen. Was mich sehr erstaunt, aber umso mehr erfreut, ist die Tatsache, dass die Preise in Rio, sei es für Bier, Essen oder Fanartikel, sich nicht erhöht haben. Für ein Bier auf dem offiziellen Fan-Fest zahlt man fünf Reais – umgerechnet etwa 1,65 Euro –, der ganz normale Preis für eine Dose Bier am Strand. Die Organisation in Rio klappt sehr gut, bis heute kam es noch zu keinerlei Katastrophen. Das Wetter ist super, jeden Tag scheint die Sonne, was ich nicht erwartet hatte, denn in Rio ist jetzt tiefster Winter.

    Wie nicht anders zu erwarten war, sind die größten Konkurrenten der Brasilianer während dieser Weltmeisterschaft die Argentinier. Deren Anhänger haben Rio komplett besetzt, was in erster Linie damit zusammenhängt, dass das erste Spiel der Argentinier im Stadion von Rio, im Maracanã, stattfindet. An der Copacabana haben viele Argentinier ihre Campingzelte aufgeschlagen und scheinen dort dauerhaft bleiben zu wollen. Auf dem Fan-Fest treffen allerdings viele Fans der argentinischen Mannschaft auf mindestens genauso viele Brasilianer, die den Argentiniern Paroli bieten wollen. Dementsprechend laut wird das Tor der Bosnier gegen Argentinien gefeiert.

    Ich verlasse nun Rio und reise die nächsten zwei Wochen durch den Nordosten Brasiliens. Beim Spiel Deutschland gegen Ghana in Fortaleza hatte ich Glück und konnte über die Fifa-Homepage Tickets ergattern. Zum Spiel gegen die USA werde ich auch in Recife vor Ort sein. Ich bin sehr gespannt, immerhin bin ich zum ersten Mal während einer WM bei einem Deutschland-Spiel im Stadion.

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