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    Nachwuchs trifft Nobelpreis

    06/25/2013

    36 Nobelpreisträger treffen sich Anfang Juli mit 625 Nachwuchswissenschaftlern aus 78 Ländern in Lindau am Bodensee. Mit dabei sind auch fünf Mitglieder der Universität Würzburg. Sie alle beschäftigen sich mit unterschiedlichen Gebieten aus der Chemie.

    Nachwuchswissenschaftler treffen Nobelpreisträger auf einer Tagung in Lindau. Hier ein Foto vom Treffen im vergangenen Jahr. (Foto: Lindau Nobel Laureate Meetings)
    Nachwuchswissenschaftler treffen Nobelpreisträger auf einer Tagung in Lindau. Hier ein Foto vom Treffen im vergangenen Jahr. (Foto: Lindau Nobel Laureate Meetings)

    „Grüne Chemie“ - also umweltverträgliche und energiesparende Herstellungsverfahren sowie der Natur abgeschaute Methoden zur Energiegewinnung bilden in diesem Jahr einen thematischen Schwerpunkt, wenn sich 36 Nobelpreisträger aus den Disziplinen Chemie, Physik und Physiologie/Medizin (plus einem Friedensnobelpreisträger) mit 625 Nachwuchswissenschaftlern aus der ganzen Welt in Lindau am Bodensee treffen.

    David Bialas forscht an organischen Solarzellen

    Einer der sich mit diesem Thema gut auskennt, ist David Bialas. Der 25-Jährige ist Doktorand am Lehrstuhl für Organische Chemie II in der Arbeitsgruppe von Professor Frank Würthner. Hier forscht er an organischen Solarzellen. Diese wandeln Licht nicht mit Hilfe des klassischen Halbleiters Silizium in Strom um, sondern mit organischen Materialien. Bialas untersucht die Prozesse, die dabei ablaufen, mit dem Ziel, den Wirkungsgrad dieser Materialien zu verbessern.

    Denn bislang liegen organische Solarzellen mit ihren Wirkungsgraden noch deutlich unter dem von Siliziumsolarzellen. Ihren wesentlichen Vorteil spielen sie allerdings an anderer Stelle aus: Organische Solarzellen lassen sich mit Druckmaschinen auf großformatigen Rollen produzieren und halten so die Herstellungskosten sehr niedrig. Außerdem sind sie flexibel und eignen sich für die unterschiedlichsten Einsatzgebiete, zum Beispiel im Bereich der Gebäude-integrierten Photovoltaik.

    Wie schafft man es, als Nachwuchswissenschaftler zu dem Treffen mit den Nobelpreisträgern eingeladen zu werden? „Mein Professor, Frank Würthner, hat mich dafür vorgeschlagen. Anschließend musste ich meinen Lebenslauf, Studienergebnisse und ein Motivationsschreiben abgeben“, erzählt Bialas. Kurz danach kam dann die Zusage aus Lindau.

    Diskussionen über die Energiewende, die Erderwärmung und Ansätze dagegen, die möglicherweise in die Irre führen: Auf diese Programmpunkte des Lindauer Treffens freut sich der 25-Jährige besonders. Gespannt ist er auf die Begegnung mit dem Chemie-Nobelpreisträger von 1992, Rudolph Marcus. „Seine Theorie des Elektronentransfers ist für meine eigene Forschung von großer Bedeutung“, sagt Bialas.

    Nadja Bertleff will mit Zucker Krebs bekämpfen

    Einen weiteren Schwerpunkt des Treffens der Nobelpreisträger mit den Nachwuchswissenschaftlern bilden in diesem Jahr biochemische Prozesse und Strukturen. Auf diesem Gebiet arbeitet Nadja Bertleff. Die 27-jährige Doktorandin forscht im Labor von Professor Jürgen Seibel am am Institut für Organische Chemie. Dort dreht sich alles um Zucker. Bertleff will mit komplexen Zuckermolekülen Krebs bekämpfen. Diese sollen spezielle Tumorproteine, die so genannten Galectine, aufspüren, an sie binden und damit das krankhafte Zellwachstum stoppen. Ihre Arbeiten wird die Wissenschaftlerin im Rahmen der Lindauer Tagung in einem Vortrag vorstellen.

    „In den letzten Jahren ist die Proteinklasse der Galectine zu einem wichtigen Hoffnungsträger in der Krebsforschung avanciert“, sagt Nadja Bertleff. Schon jetzt gelte sie als vielversprechender Tumormarker und zeige zuverlässig krankhaftes Gewebe an. Bislang fehle es jedoch an potenten Bindungspartner, mit denen die Funktionen der Galectine reguliert werden können. Nadja Bertleff ist auf der Suche danach.

    Was sich Nadja Bertleff von der Tagung in Lindau verspricht? „Das ist eine tolle Möglichkeit, mit Wissenschaftlern ins Gespräch zu kommen, die die höchste Auszeichnung, den Nobelpreis, erhalten haben“, sagt sie. Deren Werdegang kennen zu lernen, zu erfahren, welche Hürden sie überwinden mussten, reizt sie ganz besonders. Aber auch auf die Chance, Nachwuchswissenschaftler aus aller Welt zu treffen, freut sich die 27-Jährige. Sie ist neugierig darauf, zu hören, wie Forschung in anderen Ländern läuft – schließlich möchte sie nach dem Abschluss ihrer Doktorarbeit als Postdoc ins Ausland gehen. Die Kontakte, die sie nun in Lindau knüpft, könnten dabei hilfreich sein.

    Federico Koch tastet Moleküle ab

    Federico Koch ist Doktorand am Lehrstuhl für Physikalische Chemie I (Prof. Tobias Brixner). Auch er beschäftigt sich mit Prozessen, die beispielsweise in der Photovoltaik eine Rolle spielen. „Ich untersuche während meiner Promotion die ultraschnelle lichtinduzierte Dynamik komplexer Molekülaggregate und deren potentielle Anwendungen“, sagt er. Um Licht möglichst effizient in Strom umzuwandeln, sei es notwendig zu verstehen, wie und auf welche Art Energie in Molekülen gespeichert und transportiert wird.

    Die Prozesse, die dabei in den Molekülen ablaufen, dauern extrem kurz – wenige Femtosekunden bis hin zu Nanosekunden, also millionstel Bruchteile einer milliardstel Sekunde. Um diese Prozesse beobachten zu können, werden mithilfe von Femtosekunden-Laserpulsen die Moleküle zeitlich abgetastet und die Dynamik somit sichtbar gemacht. Die Technik, die Koch dabei nutzt, nennt sich „kohärente zweidimensionale Spektroskopie“.

    „Viele interessante Menschen, Nobelpreisträger sowie Studenten aus der ganzen Welt, auf einer persönlichen Ebene kennen zu lernen“: Darauf freut sich Federico Koch wenige Tage vor Beginn des Lindauer Treffens. Von Gesprächen über Forschung und aktuelle Fragen, wie beispielsweise die Energiewende, erhofft er sich „spannende und begeisternde Diskussionen“.

    Tessa Lühmann erforscht das Verhalten von Proteinen

    Dr. Tessa Lühmann ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Pharmazeutische Technologie und Biopharmazie der Universität Würzburg. Die Biochemikerin beschäftigt sich aktuell intensiv mit Antikörpern. Als Impfstoff oder als Mittel gegen Krebs und Autoimmunerkrankungen finden diese verstärkt in der Medizin Verwendung. Dabei ist es von großer Bedeutung, dass diese Proteine stabil sind und nicht plötzlich ihre Faltung verändern.

    Das allerdings ist gar nicht so unwahrscheinlich: „Wenn sie beispielsweise beim Spritzen unter hohe Scherkräfte geraten, wenn sich der pH-Wert ihrer Umgebung ändert oder einfach, wenn sie mehrere Jahre lang gelagert werden, kann es passieren, dass sich die Proteine strukturell verändern“, sagt Lühmann. Für den Hersteller solcher Wirkstoffe, der viel Geld in dessen Entwicklung gesteckt hat, sei das „aus unternehmerischer Sicht“ äußerst ärgerlich. Die Wissenschaftler wollen deshalb eine neue Technik entwickeln, die in sehr kurzer Zeit Aussagen über das Verhalten von Proteinen in speziellen Umgebungen und unter definierten Zuständen ermöglicht.

    Dazu passt, dass in Lindau auch die Frage eine Rolle spielen wird, welche Arzneistoffe in Zukunft „relevant, gewollt und gewünscht sein werden“, wie Tessa Lühmann sagt. Auf die entsprechende Masterklasse, in der es um dies Thema gehen wird, freue sie sich ganz besonders. Und natürlich auf die Möglichkeit, andere Wissenschaftler ihres Alters kennen zu lernen – im Hinblick auf eine bessere Vernetzung und zukünftige Kooperationen.

    Katharina Fucke untersucht interessante Materialeigenschaften

    Ebenfalls mit dabei in Lindau ist Dr. Katharina Fucke. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl III der anorganischen Chemie bei Professor Todd B. Marder und befasst sich mit der Untersuchung zwischenmolekularer Interaktionen in festen und halbfesten Aggregatzuständen organischer und anorganischer Substanzen.

    Das Verständnis und die Vorhersage dieser Interaktionen ist von grundlegender Wichtigkeit für alle Anwendung kondensierter, also nicht gasförmiger Phasen, sei es ein pharmazeutischer Wirkstoff in einer Tablette oder die Selbstorganisation der lichtabsorbierenden Schicht in einer Solarzellen. Die promovierte Pharmazeutin untersucht dafür die Auswirkungen kleinster Veränderungen an einfachen Molekülen auf deren Interaktionen im kristallinen und flüssigkristallinen Zustand.

    „Ich freue mich hauptsächlich auf den Austausch mit Wissenschaftlern aus den unterschiedlichsten Gebieten der Chemie. Dieser Austausch hilft bei der Identifikation neuer und beim Lösen alter Probleme, weil die Denkweisen sehr unterschiedlich sind. Zudem bin ich gespannt auf die Vorträge der Nobelpreisträger und deren Denkweise“, sagt Katharina Fucke.

    Das Nobelpreisträgertreffen

    Seit 1951 treffen sich in Lindau regelmäßig Nobelpreisträger der Chemie, Physik und Medizin oder Physiologie gemeinsam mit mittlerweile jeweils rund 600 exzellenten Nachwuchswissenschaftlern aus aller Welt. Bei dem sechstägigen Treffen werden sie sich mit fachspezifischen und interdisziplinären Fragen auseinandersetzen, aber auch gesamtgesellschaftlich und global relevante Themen debattieren.

    Ziel ist nach Aussagen der Veranstalter der interkulturelle und generationenübergreifende Austausch von Wissen und Erfahrungen sowie der Aufbau von Netzwerken. Dies geschieht im Rahmen von Vorträgen, Diskussionsrunden, Podiumsdiskussionen und speziellen Master Classes. Im Unterschied zu den üblichen wissenschaftlichen Konferenzen bieten die Lindauer Nobelpreisträgertagungen jedoch auch Raum für persönliche Begegnungen und intensive Gespräche.

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