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    Identität, Nation und die Idee Europas

    06/28/2016

    Die Geschichtsschreibung Europas im Spiegel der Nation – dargestellt anhand von Schulwandbildern – ist Thema einer neuen Ausstellung in den Niederlanden. Zahlreiche Exponate hat dafür die Forschungsstelle Historische Bildmedien der Universität Würzburg zur Verfügung gestellt.

    Gustav Adolf im Gebet vor der Schlacht bei Lützen 1632. (Engleder, Vaterländische Geschichtsbilder nach Originalen in den Königlichen Museen, München um 1911. Sammlung Forschungsstelle Historische Bildmedien Würzburg)
    Gustav Adolf im Gebet vor der Schlacht bei Lützen 1632. (Engleder, Vaterländische Geschichtsbilder nach Originalen in den Königlichen Museen, München um 1911. Sammlung Forschungsstelle Historische Bildmedien Würzburg)

    Gustav Adolf, der betend, seinen Degen gen Himmel gerichtet, im Sattel sitzt – hinter sich wartend sein Heer, vor ihm gefallene Soldaten 1632 bei der Schlacht bei Lützen – Eine lange Schlange von Menschen, die frierend im Schnee vor einer französischen Bäckerei warten, während im Hintergrund mehrere Kanonen aus allen Rohren feuern bei der Belagerung von Paris 1870 – Ein Junge und ein älterer Mann, die inmitten von Ruinen mit Panzerfäusten bewaffnet in einem Graben sitzen und dort, 1945, als das „letzte Aufgebot“ auf den Feind warten.

    Markante Momente der Geschichte im Unterricht

    Bilder wie diese kamen in der Vergangenheit regelmäßig im Geschichtsunterricht an deutschen Volksschulen zum Einsatz. „Sie greifen markante Momente aus der Geschichte heraus und zeigen Situationen, die zum einen prägende Bedeutung für die eigene  - vaterländische - Geschichte hatten, die aber auch eng verbunden mit der europäischen Entwicklung waren“, sagt Dr. Ina Uphoff. Die Bildungswissenschaftlerin leitet an der Universität Würzburg die Forschungsstelle Historische Bildmedien – Europas umfangreichste Sammlung von Schulwandbildern mit rund 20.000 Originalen aus einem Zeitraum von 150 Jahren zu allen Unterrichtsfächern.

    Auf mehr als 30 ihrer Exponate kann Ina Uphoff aktuell nicht zugreifen – darunter die Abbildungen von Gustav Adolf, der Belagerung von Paris und dem letzten Aufgebot. Diese hat sie nach Holland ausgeliehen; dort sind sie Teil der Ausstellung „STRIJD! Heldenhaftig verleden op schoolpaten“ – auf Deutsch: „Kampf – Heldenhafte Vergangenheit auf Schulwandbildern“, die vom 7. Juli an im Nationaal Onderwijsmuseum, dem Schulmuseum in Dordrecht zu sehen ist.

    In Kooperation mit der Forschungsstelle Historische Bildmedien der Universität Würzburg und der dänischen National Educational Library (Danmarks Pædagogiske Bibliotek) werden dort ausgewählte historische Anschauungsbilder für den Geschichtsunterricht aus den Sammlungen Würzburg, Kopenhagen und Dordrecht gezeigt. Sie stammen aus dem 19. und 20. Jahrhundert und kamen in den Schulen im Fach Geschichte zum Einsatz – einem Fach, das im 19. Jahrhundert als eigenständig verpflichtendes Fach in den Schulen Europas eingerichtet worden ist.

    Die Entwicklung der Idee von der Nation

    Identität und Nation, Erinnerung und Gedächtnis: Diese Begriffe stehen im Mittelpunkt der Ausstellung. Sie will zeigen, wie deren Zusammenwirken auf die Konstruktion der Nation und eines Europa verweist – mit der Stiftung von Identität als verbindendem Element innerhalb dieser Prozesse. „Die Geschichte spielt hier eine besondere Rolle, denn gerade über die selektive Konstruktion der Historie wird ein „bewohntes“ Gedächtnis geschaffen, das Selbst- und Fremdzuschreibungen steuert und aufrechterhält“, erklärt Ina Uphoff den theoretischen Rahmen der Ausstellung. Auf dieses „Erbe an Erinnerungen“ greife eine Gemeinschaft zurück, die sich dadurch gerade erst als Gemeinschaft konstituiert.

    Den Geschichtsbildern komme dabei eine symbolische Bedeutung zu, indem sie identitätsstiftende Funktionen übernehmen und auf das kollektive Gedächtnis Einfluss nehmen. „In den Bildern sind verdichtete Erzählungen und narrative Strukturen enthalten, die als symbolische Zeichen Erinnerungen fixierten, vereinheitlichten und tradierten“, so die Wissenschaftlerin. Schulen wurden dabei quasi zu „Stätten der Identitätskonstruktion“, wie Uphoff sagt. Die Geschichtsbilder unterstützen diesen Prozess maßgeblich, wie die Ausstellung zeigt, und zeigen sich als zentrale Medien der Veranschaulichung von Weltorientierung und nationaler Identitätsstiftung.

    Eine Zeitreise durch die Geschichte

    Von Juli 2016 an bildet das Nationaal Onderwijsmuseum in Dordrecht mit dieser Ausstellung den zentralen Ort, an dem die gemalte und gezeichnete Geschichtsschreibung Europas im Spiegel der Nation zusammenkommt. Mit beeindruckenden, heldenhaften, erschreckenden aber auch ästhetisch ansprechenden Schulwandbildern kann sich der Besucher auf eine Zeitreise durch die Geschichte Europas begeben und dabei zugleich die eigene Geschichte besser verstehen.

    Kontakt

    Lehrstuhl für Systematische Bildungswissenschaft, Forschungsstelle Historische Bildmedien, Leitung: Dr. Ina K. Uphoff, E-Mail: ina.uphoff@uni-wuerzburg.de

    Anschrift Museum: Nationaal Onderwijsmuseum, Burgemeester de Raadtsingel 97, 3311 JG Dordrecht, Niederlande

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