piwik-script

Deutsch Intern
    Insight

    Ästhetik des Sehens

    Ein Künstler sammelt: Martin von Wagner in Rom und Würzburg

    Nach jahrzehntelanger Tätigkeit als Bildhauer und Kunstagent schenkte Martin von Wagner 1857 seine in Rom zusammen getragene Kunstsammlung der Universität Würzburg. Ihre Zusammensetzung lässt auf die Wertmaßstäbe schließen, die in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts die entstehenden Fächer Archäologie und Kunstgeschichte prägten. Wagner blickte als Klassizist und Historist auf die Kunst von der Antike bis zum Barock. Zugleich offenbaren die für sich persönlich erworbenen Werke die Freiheit eines Blicks, der häufig mehr an künstlerischer Qualität interessiert war als an epochengeschichtlicher Konvention. Aus diesem Schwingen zwischen persönlichem Werturteil und Erfüllung wissenschaftlicher Standards entstand ein sehr individuelles Sammlungsprofil, das in diesem Seminar näher bestimmt werden soll – insbesondere unter dem Gesichtspunkt, dass die selektive Wahrnehmung, aus welcher die Sammlung entstanden war, bei den Betrachtern eine Art von ‚Erziehung des Blicks’ herbeiführen sollte. Die Studierenden sollen in der Auseinandersetzung mit dem originalen Material aus dem Besitz Wagners einerseits, im Vergleich mit Sammlungsgewohnheiten seiner Epoche andererseits, den historischen Sehhorizont dieses Deutsch-Römers rekonstruieren.

    Kreativität und Normativität: Martin von Wagner und sein Blick auf die Antike

    Das malerische, bildhauerische und zeichnerische Oeuvre Martins von Wagner wird dominiert von antiken Themen, die er sich auf vielfältigste Weise aneignete. Archäologischer Forscherdrang, idealistische Prinzipien, individueller Gestaltungswillen und Anregungen durch Künstler wie Jacques-Louis David, John Flaxman oder Bonaventura Genelli überlagern sich gegenseitig, mal einander ergänzend, mal miteinander konkurrierend. Ausgewählte Konvolute aus den über 3.000 Zeichnungen, die im Rahmen des BMBF-Projekts erschlossen werden, werden in diesem Seminar die konkurrierenden Geltungsansprüche präzisieren helfen, denen Wagners Blick auf die Antike ausgesetzt war – von seinen frühen Studien nach Gipsabgüssen in der Wiener Akademie über Homer-Illustrationen bis hin zu ‚wissenschaftlichen’ Aufnahmen archäologischer Fundstücke in Italien und Griechenland. Die Studierenden werden an diesen abwechslungsreichen Blättern Bestimmungsübungen durchführen, sie in das Schaffen Wagners und die Kunst der Epoche einordnen und dabei die Unterschiede zwischen künstlerischem und wissenschaftlichem Sehen kennenlernen. Am Ende soll sich eine Vorstellung vom ‚Blick der Zeit’ mit seinen didaktischen, moralischen und ästhetischen Dispositiven gebildet haben.

    Insbesondere die quantitative Untersuchung des Sehens avancierte im 19. Jahrhundert v.a. durch Helmholtz zu einem Zentrum psychologischer Forschungen. In der experimentellen, pädagogischen und klinischen Psychologie des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts wurden die bildliche Darbietung und kreative Darstellung zum zentralen Thema der Erforschung kognitiver Leistungen. Hinzu trat die Beurteilung von Darstellungen über die Erfassung der Anmutungsqualität von kurzzeitigst, teils subliminal dargebotener Bildobjekte. Diese Entwicklung setzte sich mit der gestaltpsychologischen Wahrnehmung von Bildern und dem Versuch der experimentellen Erfassung ihres ästhetischen Gehalts fort. Vor diesem Hintergrund wird das Adolf-Würth-Zentrum, ausgehend von Fechners Vorschule der Ästhetik, einen psychometrischen Ansatz zur intra- und interindividuellen Erfassung des ästhetischen Gehalts, insbesondere in Bezug auf die zu erschließende Sammlung stereoskopischer Bildtafeln des Adolf-Würth-Zentrums sowie geeigneter Sammlungsobjekte des Martin von Wagner Museums, entwickeln und evaluieren.