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Intern
    Büro der Universitätsfrauenbeauftragten

    Winter School 2021, "Gender und Protest", 22.-24. Februar 2021

    Tag 1

    Die diesjährige Winter School des Genderforums der Universität Würzburg mit dem Themenschwerpunkt „Gender und Protest“ fand in Kooperation mit der Fakultät für Biologie vom 22.-24. Februar 2021 statt. Die vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderte dreitägige Winter School ermöglichte einen regen Austausch zwischen Studierenden und Promovierenden mit WissenschaftlerInnen der Universität Würzburg, internationalen ExpertInnen sowie KünstlerInnen zum aktuellen Diskurs um Gender und vielfältige Formen des Protests. Vertreten waren die Disziplinen Soziologie, englische Literaturwissenschaft, Slavistik, europäische Ethnologie sowie Impulse aus den Bereichen Public Art und Rap. In abwechslungsreichen Workshop- und Vortragsformaten stellten die ExpertInnen ihre jeweiligen Forschungsschwerpunkte, Fragestellungen und Methoden exemplarisch vor und griffen Themenaspekte auf, die in Kleingruppen, aber auch in großer Runde intensiv diskutiert wurden.

    Leider erlaubte die dynamische Lage der Covid19-Pandemie zu diesem Zeitpunkt keinen persönlichen Austausch der Teilnehmenden vor Ort, weshalb die Winter School ausschließlich virtuell stattfand. Jedoch barg dieses Hindernis gleichzeitig den großen Vorteil, dass über 90 Teilnehmende von unterschiedlichen Universitäten deutschlandweit an der Winter School teilnehmen konnten.

    Eröffnet wurde die Winter School mit den Grußworten der Sprecherin des Genderforums, Prof.in Dr. Marie-Christine Dabauvalle. Den ersten Themenschwerpunkt gestaltete Dr.in Bani Bora, Direktorin des Centre for Social Change India mit ihrem informativen Vortrag „Self-Identification, Social Expectations and Transgender: Protest and Protection in India“ über die Geschichte und die Problematiken der Transgender-Bewegung in Indien. Sie hielt die Teilnehmenden dazu an, mit einem selbst verfassten Statement über die Komplexität von Identität – der eigenen, aber auch der von anderen – zu reflektieren.

    Am Nachmittag folgte ein Workshop der Kultur- und Literaturwissenschaftlerin Dr.in Jennifer Leetsch des Lehrstuhls für Anglistik der Universität Würzburg über „Poetry in a Time of Protest“, in welchem sie Lyrik der Frauenrechtsbewegung, der schwarzen Bürgerrechtsbewegung und der Black Lives Matter-Bewegung in den USA intersektional in Bezug zueinander setzte und das Potenzial von Lyrik als Motor einer politischen Protestbewegung und des Bestrebens um gesellschaftlichen Wandel identifizierte.

    „Dr. Jennifer Leetsch hat mich mit ihrem Thema total abgeholt. Die Beispiele, Zitate und Ausschnitte aus Protestlyrik sind nicht nur beeindruckend und inspirierend, sie öffnen eine Tür zu Lebenswelten, die ich selbst nicht von innen kenne und daher als sehr wertvoll empfinde.“

    Julia Appel, TeilnehmerIn der Winter School 2021

    Tag 2

    Der zweite Tag wurde mit dem Impulsvortrag „Gendergaga? Zur symptomatischen Politisierung einer Kategorie“ von Prof.in Dr. Paula-Irene Villa Braslavsky eingeläutet. Prof.in Villa referierte differenziert über die Artikulation von illiberalen politischen Positionen zum Begriff „Gender“. Dieser wird von verschiedenen politischen AkteurInnen instrumentalisiert als Abgrenzung zu und zur Verbreitung von nationalistischen, rassistischen oder populistisch-fundamentalistischen Ideologien.

    Im Anschluss stellte die österreichische Künstlerin Katharina Cibulka ihr aktivistisches Projekt SOLANGE vor. Auf mehreren hundert Quadratmeter großen Staubschutznetzen, wie sie üblicherweise an Baustellen zu finden sind, stickt Cibulka mit Tüll und Kabelbindern feministische Botschaften in Handarbeit. Diese sollen die Betrachtenden gegenüber gesellschaftlichen Missständen sensibilisieren und auf die anhaltende Notwendigkeit feministischer Forderungen aufmerksam machen. Nach der Vorstellung des mit Gender-Stereotypen spielenden Projekts wurden die Teilnehmenden des Workshops dazu aufgefordert, eigene Botschaften im Stil des SOLANGE-Projekts zu formulieren und auch kreativ umzusetzen. Das Angebot wurde von den Teilnehmenden enthusiastisch angenommen:

    Solange Frauen im et al. verschwinden, bin ich Feministin.

    Solange Männer mit einem blauen Auge davonkommen, bin ich Feministin.

    Solange mein Hausschlüssel nachts zur Waffe wird, bin ich Feministin.

    Solange mir manspreading meinen Raum nimmt, bin ich Feministin.

    Dr.in Jessica Zychowicz von der University of Alberta forscht zu der Frauenrechtsbewegung in osteuropäischen Ländern. Ihr Vortrag skizzierte die ideologischen Verschiebungen im Diskurs um die „Frauenfrage“, Gender, Sexualität und Klasse in der Ukraine am Beispiel von Protestaktionen und Demonstrationen in Kiew seit 2010. Dr.in Zychowicz illustrierte ihr Argument mit Protestschildern und Kunstexponaten, die im Kontext der Kiewer Demonstrationen entstanden sind. Darunter befanden sich auch traditionelle Kreuzsticharbeiten von kontemporären ukrainischen KünstlerInnen mit hochaktuellen feministischen Inhalten, die einen Bogen zum vorherigen Workshop von Katharina Cibulka spannten.

    Tag 3

    Der dritte Tag der Winter School startete mit einem Workshop von Dr.in Isabella Kölz, Mitarbeiterin des Lehrstuhls für Europäische Ethnologie der Universität Würzburg: „Geschlechtergeschichte als Werkzeug für Protest und Widerstand? Kulturanthropologische Perspektiven auf deutsche Frauen-Protestbewegungen“. Der interaktive Workshop gab den Teilnehmenden einen umfassenden Überblick über die Entwicklung der Frauenbewegung in den letzten Jahrhunderten und richtete gleichzeitig Schlaglichter auf die Initiative einzelner WiderstandskämpferInnen.

    Die Winter School endete mit einem Interview mit der Berliner RapperIn Sookee.  Diese sprach eindrucksvoll über den Beginn eines Wandels in der deutschen Rapszene, über die Repräsentation von RapperInnen, über queere und feministische Lyrics, aber auch über sich verhärtende homophobe, sexistische und rassistische Tendenzen innerhalb der Szene. Ausgehend von ihren persönlichen Eindrücken der Streitkultur auf den verschiedenen Social Media-Plattformen und über Rap als ein Instrument des aktivistischen Widerstands entstand ein im virtuellen Raum ungewöhnlich nahbarer Austausch, der viel food for thought für die nächste Winter School lieferte.

    Abschließend erhielten die TeilnehmerInnen für ihre regelmäßige Teilnahme an der Winter School das Genderforum-Zertifikat.