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Prof. Dr. Sebastian von Mammen, Human-Computer Interaction

23.10.2019

Sebastian von Mammen ist Professor für Games Engineering am Lehrstuhl für Mensch-Computer-Interaktion. Er ist der Leiter der Gruppe 'Games Engineering'. Hier geht es unter Anderem um den Einsatz von Spielen beispielsweise in der Medizin oder Schule in der Zukunft.

Bild Prof. Sebastian von Mammen, Foto: Privat
Foto: Privat

Prof. von Mammen, können Sie Ihr Forschungsfeld ganz kurz (für den Laien) beschreiben?

Unter anderem zusammen mit Kollege Marc Latoschik, habe ich letztes Jahr folgende Definition von Games Engineering veröffentlicht*. Ich denke, dass sie diese Disziplin auch für den Laien nachvollziehbar zusammenfasst:
"Games Engineering beschäftigt sich mit der zielorientierten Bereitstellung und systematischen Verwendung von Prinzipien, Methoden und Werkzeugen für die arbeitsteilige, ingenieurmäßige Entwicklung und Anwendung von umfangreichen Softwaresystemen für Computerspiele.“

Daraus ergibt sich ein unglaublich weites Spektrum an Forschungsfragen, die viele andere Disziplinen der Informatik betreffen, die aber im Games Engineering in einem integrativen, herausfordernden Kontext, nämlich besagten Computerspielen, betrachtet werden.

Beispiele für konkrete Forschungsfragen sind etwa die systematische Entwicklung sogenannter Serious Games. Das sind Computerspiele mit einem Ziel über bloße Unterhaltung hinaus, oftmals um Faktenwissen oder prozedurales Wissen zu vermitteln, um Empathie zu schaffen oder um auf gesellschaftliche Missstände (Stichwort „News Games“) aufmerksam zu machen. Welche Interaktionen soll ein Spieler durchführen, welche Spielregeln sollen einem Spiel zu Grunde gelegt werden, wie müssen welche Inhalte idealerweise kommuniziert werden, damit die Ziele des jeweiligen Serious Games auch erreicht werden. Derartige Fragen müssen, oftmals in interdisziplinären Teams, beantwortet werden.

Games Engineering betont außerdem technische Fragestellungen, die die Algorithmen, Speicherung, Kommunikation, Pflege von Daten und Programmiercode betreffen. Ein Computerspiel hängt im Allgemeinen von vielen, eigentlich unabhängigen Berechnungsprozessen statt, man denke an die graphische Visualisierung, die Verarbeitung der Nutzereingaben oder die physikalische Simulation, die bspw. notwendig ist, um Kollisionen in virtuellen Welten zu erkennen und daraufhin Beschleunigungen auszurechnen. Diese Aspekte und noch viele mehr, müssen für ein modernes Computerspiel perfekt zusammen spielen - Games Engineering gibt auch Antworten darauf, wie dieses Zusammenspiel funktionieren kann.

 

Woran forschen Sie zur Zeit am liebsten und warum?

Mit der programmatischen Komplexität von Computerspielen steigt die Notwendigkeit, einfache Schnittstellen für Entwickler zu schaffen, die sich auf die Komposition von inhaltlich anspruchsvollen, benutzerfreundlichen Spielen fokussieren wollen. Sogenannte Game Engines stellen oftmals nicht nur Infrastrukturen für die oben genannten technischen Fragestellungen zur Verfügung, sondern versuchen durch einfache Programmierschnittstellen, manchmal auch mit visuellen Programmiersprachen, die Schaffung komplexer Anwendungen zu vereinfachen.

Es ist mir ein großes Anliegen, komplexe digitale Modelle/Simulationen/Spiele von Laien entwicklen lassen zu können. Dies ist notwendig, damit die die Macht digitaler Anwendungen keinen bestimmten Personenkreis vorenthalten bleibt, damit ihr gesamtgesellschaftliche Nutzen steigt und damit man schneller, bessere Anwendungen entwickeln kann. Wie die aktuellen Technologien zu diesem Zweck noch besser vereinfacht oder neu erfunden werden müssen, ist daher eine wichtige Fragestellung für mich. Erfreulicherweise hat das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) einer Projektförderungen zugesagt, die es uns ermöglichen wird, intensiv an dieser Fragestellung zu arbeiten, insbesondere um Virtual Reality-Anwendungen für medizinische Zwecke (Training, Prävention, Therapie, Rehabilitation) von technischen Laien entwickeln lassen zu können.

 

Wo sehen Sie die größte Chance/Verbesserung für die Gesellschaft und warum?

Die Komplexität von Softwaresystemen in den Griff zu bekommen ist eine Sache. Eine andere Herausforderung ist es, beliebige natürliche oder vom Mensch erschaffene komplexe Systeme nachzuvollziehen und positiv beeinflussen zu können. Computer spielen hierbei eine Schlüsselrolle, da sie uns aufzeigen können, welche möglichen Entwicklungen unsere Entscheidungen nach sich ziehen können - bspw. im Bezug auf ökonomische, soziale und ökologische Systeme. In Analogie an das besagte, vom BMBF geförderte, Forschungsprojekt versuche ich, verschiedene Werkzeuge zu entwickeln, die es uns überhaupt ermöglichen, entsprechende, komplexe Modelle (1) zu erstellen und (2) berechnen zu können. An diesen Fragestellungen arbeite ich seit Längerem und ich bin davon überzeugt, dass ihre (teilweise) Beantwortung mittel- und langfristig immens zum Wohlstand und Wohlergehen unserer Spezies und unserer Umwelt beitragen kann.

 

Was sind aus Ihrer Sicht besondere Herausforderungen?

Politisch denke ich, dass es dem demokratischen Gut, das wir in Deutschland behüten müssen, gut täte, mehr Transparenz in Fragen der Lobbyarbeit herzustellen. Lobbyismus ist sehr wichtig, doch es ist noch wichtiger, Vertrauen in die Repräsentanten des Volkes und ihre Fähigkeiten zu haben.

Gesamtgesellschaftlich müssen wir es schaffen, unseren aktuellen Wohlstand so einzusetzen, dass wir alle weniger Stress im Alltag durch immer anstrengendere Lebensumstände erfahren. Hochgradige Spezialisierungen am Arbeitsplatz gepaart mit dem Anspruch hoher Verfügbarkeit der Arbeitskraft und erzwungenem Aufenthalt in überforderten Ballungsgebieten führen meiner Meinung nach nicht nur zu regelmäßigen Staus, sondern ziehen alle möglichen individuellen und gesellschaftlichen Leiden nach sich. Moderne Formen der Arbeitsteilung und der Kommunikation könnten hier bereits zu großer Entspannung beitragen.

In der Wissenschaft müssen wir einen Weg finden, der einerseits die Exzellenz akademischer Ausbildung und Bildung in Deutschland fördert und der andererseits nachhaltig ist. Wissenschaftliche Stellen im öffentlichen Dienst müssen hohe Ansprüche erfüllen - egal ob im Mittelbau oder auf professoraler Ebene. Um ihr großes Potential zu nutzen, müssen wir versuchen, ihnen zu ermöglichen dort zu arbeiten, wo sie sich bewiesen haben: in Forschung und Lehre - und ihnen für die Regelung logistischer, juristischer, finanzieller und sonstiger bürokratischer Prozesse Experten zur Seite zu stellen, die die entsprechenden Herausforderungen für sie lösen.

Anderen Menschen, die andere gesellschaftskulturelle Perspektiven oder andere fachliche Expertise haben als wir selbst, Vertrauen und Wertschätzung entgegen zu bringen, halte ich für eine besondere Herausforderung in unserem schönen Land.

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