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Science Slam Gewinner 2020

25.01.2021

Der Gewinner des Science Slams 2020, Dr. Diego D'Angelo, arbeitet am Institut für Philosophieder Universität Würzburg.

Science Slam 2020, Foto: Katja Bolze-Schünemann
Science Slam 2020, Foto: Katja Bolze-Schünemann

Diego,  für die, die Deinen Slam nicht gesehen haben: Wie würdest Du einem Laien Deine wissenschaftliche Arbeit/Dein Thema  beschreiben?

Die Tätigkeit von Philosophinnen und Philosophen unterscheidet sich auf den ersten Blick nicht von den Tätigkeiten anderer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Wir beschäftigen uns mit Fragen und Problemen. Und da das schon viele andere vor uns getan haben, müssen wir eine Menge lesen, um dies auf angemessenem Niveau tun zu können. Wenn es dann gut geht, schreiben wir irgendwann einen Artikel oder ein ganzes Buch, über das, was wir erforscht und vielleicht sogar neu herausgefunden haben. Und, auch wenn sich das in Corona-Zeiten stark verändert hat, normalerweise stellen wir unsere Überlegungen auch in Vorträgen im In- und Ausland vor. (Reisen ist somit ebenfalls ein schöner und abwechslungsreicher Teil unserer beruflichen Tätigkeit.) Darüber hinaus führen wir andere, zumeist jüngere Menschen, in unsere Wissenschaft ein. Meine KollegInnen und ich verbringen daher einen guten Teil unserer Arbeitszeit mit dem Unterrichten von Studentinnen und Studenten. Das alles ist für uns wichtig und spannend, sicher viel spannender als die Bürokratie, die ebenfalls einen großen Teil unserer Alltagsaufgaben ausmacht.

Selbst wenn der Alltag sich von anderen Wissenschaften kaum unterscheidet, so ist der Gegenstand der Philosophie eigenartig. Wir gehen nicht ins Labor, weil wir über Phänomene, Begriffe Ideen reflektieren. Wenn Philosophen Experimente anstellen, dann Gedankenexperimente: Wir spielen mit einem Gedanken und schauen, wo das hinführt. In meiner Forschung beschäftige ich mich beispielsweise mit dem Begriff und Phänomen der Aufmerksamkeit. Dazu ist die empirische Forschung sehr wichtig, von der Psychologie bis zu den Neurowissenschaften. Aber meine Perspektive ist eine andere: ich versuche beispielsweise nicht, herauszufinden, welche Hirnareale involviert sind, wenn wir uns aufmerksam auf etwas richten, oder welche neuronalen Aktivitäten ausgelöst werden, wenn wir uns auf ein Detail in einer Wahrnehmungsszene konzentrieren oder uns hingebunbsvoll einer Aufgabe zuwenden. Ich versuche vielmehr zu verstehen, was das überhaupt für eine Erfahrung ist, wenn wir uns aufmerksam auf etwas richten. Was bedeutet es für uns als Menschen, aufmerksam zu sein? Und um dies zu thematisieen, muss man sich mit den Begriffen auseinandersetzen, die wir für unsere (wissenschaftlichen und außerwissenschaftlichen) Beschreibungen der Welt und der Dinge in der Welt verwenden; ansonsten bleibt alles, was wir sagen, unklar.

 

Was reizt Dich ganz besonders an Deiner Arbeit/diesem Thema?

Das ist schwer zu sagen; es ist vielleicht so, wie wenn man in jemanden verliebt ist. Es ist einfach so. Und wie beim Verliebtsein kommt bei der Faszination durch ein wissenschaftliches Thema jede Angabe von Gründen zu spät. Es ist einfach das, was man machen will. Sicher kann man dann nachträglich rationalisieren und Gründ finden. Als Antwort auf solche Fragen hört man oft z.B. solche Dummheiten (pardon) wie „ich denke gern über die Welt nach“ oder „ich habe Spaß, mit anderen zu diskutieren“. Wer denn nicht?! Solche Bekundungen erklären und begründen ja nicht die besondere Faszination der Beschäftigung mit philosophischen Fragen. Aber das kann man sicherlich auch für das Forschen in anderen Disziplinen sagen. Die Philosophie ist allerdingsdarin besonders, dass sie an der Schwelle ist zwischen Literatur und Wissenschaft. Und da ich seit je beide mag, war die Liebe wohl unvermeidlich.

 

Hast Du einen Lieblingsphilosophen  und falls ja, welchen (warum)?

Nein, eine einzige Autorin oder einen einzigen Autor kann ich nicht nennen. Ich mag z. B. Platon sehr, weil er die Philosophie in einzigartiger Weise inszeniert hat. Ich mag aber auch Edmund Husserl, weil er, obwohl er nicht schreiben kann, klar denkt. Ich mag Mary Midgley, weil sie Wissenschaft und Literatur mit Scharfsinnigkeit kombiniert und ihre Idee auf eine sehr zugängliche Art und Weise präsentiert. Ich mag Jacques Derrida, weil seine Texte sehr unzugänglich und schwer zu verstehen sind. Und ich könnte noch viele anderen nennen...

 

Was empfindest Du als größte Herausforderung an Deinem Weg in die (philosophische) Wissenschaft?

Sicherlich sind die präkeren Arbeitsverhältnisse an der Universität eine ganz besondere Belastung für alle, die sich heute eine wissenschaftliche Laufbahn einlassen. Das ist leider eine Situation, die sich nur schwer aushalten lässt. So gut wie alle Verträge sind heute auf Zeit; und nur eine kleine Minderheiten von uns wird irgendwann Aussichten auf eine Professur haben. Viele sind dann nach der Habilitation (die auch ich gerade anstrebe) mit vierzig Jahren arbeitslos und müssen sich neu erfinden. Das ist menschlich schwer erträglich, und schadet der Forschung, denn wir streben alle danach, möglichst viel  zu veröffentlichen, möglichst in den besten Zeitschriften usw., um „besser“ als andere zu erscheinen, nach rein äußerlichen und z. Z. Völlig unangemessenen Kriterien. Denn dafür muss man genau so denken und schreiben, wie die angeblich besten Zeitschriften dieserwarten. Das ist der Grund, warum die philosophische Forschung in den letzten Jahren viel flacher und langweiliger geworden ist – man hat keine Zeit mehr, etwas richtig Eigenständiges zu veröffentlichen: das ist einfach persönlich zu riskant.

 

Was würdest Du Studierenden empfehlen, die sich überlegen, ob Sie im Fach Philosophie promovieren möchten?

Ich würde ihnen empfehlen, sehr genau darüber nachzudenken, ob sie nach der Promotion wirklich eine akademische Karriere anstreben möchten. Promovieren macht Spaß und der Doktortitel schadet nicht; wenn eine echte Leidenschaft für die Philosophie hat, kann man ihr oder ihm das Promovieren durchaus empfehlen. Aber die akademische Karriere würde ich nur denen empfehlen, die bereit sind, auch einen hohen Preis dafür zu bezahlen, dass man Philosophie nicht nur abends oder am Wochenende betreibt...

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