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    Wo die Pupillen verrutschen

    11.12.2015

    Medusenhäuptern, Mumienporträts und Madonnen ins Auge sehen, die Blickbeziehungen bei Dürer, Tiepolo oder Liebermann ergründen: Eine neue Ausstellung im Martin-von-Wagner-Museum schickt die Besucher in das Reich der „Augen & Blicke“.

    Künstlerfreunde vor dem Spiegel, ein Werk von Bernardino Licinio (um 1530), das mit komplexen Blickbeziehungen arbeitet. Es ziert das Titelbild des Katalogs zur Ausstellung „Augen & Blicke“.
    Künstlerfreunde vor dem Spiegel, ein Werk von Bernardino Licinio (um 1530), das mit komplexen Blickbeziehungen arbeitet. Es ziert das Titelbild des Katalogs zur Ausstellung „Augen & Blicke“.

    Schamvoll gesenkt, von Trauer verschleiert, zutiefst erschrocken: Das sind nur einige Beispiele aus den „Blickrepertoires“, die sich viele Maler seit der Renaissance anlegten. In dieser Kunstepoche wurden Augen, ihre Ausdrucksfähigkeit und die Blickbeziehungen zwischen Menschen längst bewusst eingesetzt, um Gemälde zu konstruieren und ihre Personen eine Geschichte erzählen zu lassen.

    Die Evolution der „Augen-Blicke“ lässt sich auf bemalten Vasen der griechischen Antike anschaulich nachvollziehen: Auf älteren Exemplaren sind die Figuren im Profil gemalt, ihre Augen aber frontal, so dass sie den Betrachter direkt ansehen. Diese Figuren treten also noch nicht in Aktion untereinander, doch das ändert sich ab dem sechsten Jahrhundert vor Christus: Von da an lassen die Vasenmaler die Pupillen „verrutschen“ – damit geben sie ihren Gestalten eine Blickrichtung, setzen sie in Kontakt mit ihrer Umgebung.

    Objekt-Vielfalt von Alt-Ägypten bis zur Moderne

    Wie werden Augen im Lauf der Geschichte künstlerisch dargestellt? Wie kommunizieren die Menschen auf Gemälden über Blickbeziehungen miteinander? Wie konstruieren Maler ihre Bilder anhand von Blicklinien, die sie zwischen den Figuren ziehen? Wie lenken sie die Blicke des Betrachters, wie setzen sie Augen zur Entwicklung einer Bildsprache ein?

    Solchen Fragen spürt die neue Ausstellung „Augen & Blicke“ im Martin-von-Wagner-Museum der Universität Würzburg nach. Ihre Besonderheit liegt auch darin, dass sie eine große Vielfalt von Objekten und künstlerischen Gattungen aus viereinhalb Jahrtausenden vereint: Altägyptische Einsetzaugen und antike griechische Vasen treffen auf Skulpturen und Reliefs, auf Gemälde und Zeichnungen vom Mittelalter bis zur Moderne.

    Rund 80 Objekte aus eigenen Beständen sind in einer Schau versammelt, wie es sie in dieser Machart und Größe im Würzburger Uni-Museum bislang nicht gegeben hat.

    Künstlerfreunde vor dem Spiegel

    Für das Titelbild des Katalogs haben die Kuratoren ein Werk des italienischen Malers Bernardino Licinio ausgewählt, das um 1530 entstanden ist: „Künstlerfreunde vor dem Spiegel“. Es zeigt einen Architekten, der sich in einem Spiegel anblickt. Hinter seinem Spiegelbild ist Licinio selbst zu sehen, wie er den Architekten malt, dabei aber den Bildbetrachter ansieht.

    „Ein kompliziertes Bildmotiv zum Thema Selbsterkenntnis“, sagt Damian Dombrowski, Direktor der Neueren Abteilung des Museums: Der Maler hält Zwiesprache mit dem Betrachter, der seinem Blick nicht ausweichen kann. „Der Betrachter nimmt gewissermaßen selbst die Identität des Malers an“, ergänzt Jochen Griesbach, Direktor der Antikensammlung: „Wer soll sonst das Vorbild des Abbildes im Spiegel sein?“

    Blicke auf Tiepolos Deckenfresko in der Residenz

    Das Uni-Museum befindet sich im Südflügel der Würzburger Residenz. Die Ausstellungsmacher setzen darum am Ende des Rundgangs ganz bewusst einen besonderen Schlusspunkt: Sie zeigen viele „Augen-Blicke“ aus dem weltberühmten Deckenfresko von Giovanni Battista Tiepolo, das das Treppenhaus der Residenz überwölbt. „In diesem Fresko taucht noch einmal alles auf, was in unserer Ausstellung thematisiert ist“, so Dombrowski.

    Einige Fakten zur Ausstellung

    Die Ausstellung ist ein gemeinsames Projekt beider Museumsabteilungen. Von Anfang an haben daran auch Studierende der Klassischen Archäologie, der Kunstgeschichte und der Museologie mitgewirkt.

    Finanzielle Unterstützung gab es vom Universitätsbund Würzburg, dem Lions Club Würzburg-West, der Optik Schiborr GmbH und von Dr. Claus-Jürgen Strate.

    Augen & Blicke. Das Sehen in der Kunst von Alt-Ägypten bis zur Moderne: 9. Dezember 2015 bis 2. April 2016, Martin-von-Wagner-Museum der Universität Würzburg, Residenzplatz 2a, 97070 Würzburg. Dienstag bis Samstag, Sonntag vierzehntäglich, 10:00 – 13:30 Uhr. Eintritt 3,00 Euro, ermäßigt 1,50 Euro.

    Kontakt

    Martin-von-Wagner-Museum, T (0931) 31-82282 oder 31-82283.
    Zur Website der Ausstellung 

    Vortragsreihe zur Ausstellung

    Mit Augen und Blicken befasst sich auch eine Vortragsreihe, die die Ausstellung begleitet. Die Vorträge finden donnerstags um 18 Uhr in der Gemäldegalerie das Martin-von-Wagner-Museums statt, der Eintritt ist frei. Hier die Termine und Themen:

    • 14. Januar 2016: „Blickbeziehungen auf attischen Vasen“, Annette Haug, Universität Kiel
    • 28. Januar 2016: „Die Augen weit geschlossen. (Nicht-) Sehen in den Darstellungen der Tobiasheilung“, Henrike Eibelshäuser, Freie Universität Berlin
    • 4. Februar 2016: „‘...ich aber sah, dass die Statue der Athena blaue Augen hatte‘ ... Zu eingesetzten Augen bei antiken Skulpturen“, Verena Hoft, Universität Tübingen
    • 18. Februar 2016: „Erkenne Dich selbst! Das Würzburger ‚Künstler’-Doppelbildnis“, Ulrich Pfisterer, Ludwig-Maximilians-Universität München
    • 3. März 2016: „Feurige Kunst und entflammte Betrachter. Zu Benedetto Varchis Verständnis bildlicher Faszination“, Maurice Saß, Universität Hamburg

    Weitere Bilder

    Von Robert Emmerich

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