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    Von der Götterdämmerung bis zur Gundl vom Königssee

    29.12.2005

    Für ihre Aufführungen werben die Theater heute mit Plakaten und Programmheften. Früher kamen da­­für so genannte Theaterzettel zum Einsatz. Mehr als 7.000 davon sind jetzt in einem Infor­ma­ti­onsportal zur Fränkischen Geschichte und Kul­tur im Internet abrufbar. Damit ist eine wei­tere Quel­le zur Würzburger Stadtgeschichte kosten­los und rund um die Uhr verfügbar.

    Das Portal www.franconica-online.de wird von der Würzburger Universitätsbibliothek und dem Lehr­­stuhl für Informatik II präsentiert. Die dort ge­zeig­ten Würzburger Theaterzettel stammen aus der Samm­­lung des Vereins „Freunde Mainfränkischer Kunst und Geschichte“ und vermitteln ein lebendiges Bild von der künstlerischen und sozialen Wirklichkeit des Würzburger Theaters im 19. Jahrhundert. Für die Zeit von 1804 bis 1904 liefern sie Informationen über Spiel­pläne, Inszenierungen und Schauspieler. Zu­gleich offenbaren sie Tendenzen des Publikums­ge­schmacks und die zentrale gesellschaftliche Rolle, die das Theater für Würzburg seit jeher spielte.

    Aus den Theaterzetteln erfährt man zum Beispiel, dass Richard Wagner 1833/34 als Chordirektor auf der Bühne tätig war, die am 12. Oktober 1852 zum ers­ten Mal ein Werk von ihm aufführte, den „Tann­häu­ser“. Man erlebt die später im Film als „komische Al­­te“ bekannt gewordene Adele Sandrock in ihren jun­­gen Jahren 1890 als „Kameliendame“. Und man lernt die Lokalberühmtheit Wenzel Dennerlein ken­nen, den Schauspieler, Sänger und Uni­ver­sal­künstler, der das Würzburger Theater von seiner Gründung 1804 bis ins Jahr 1853 begleitete.

    Man erlebt aber auch das Theater in seiner poli­ti­schen Funktion, etwa bei Aufführungen zu Ehren von Mit­gliedern des regierenden Hauses Wittels­bach. Die­ses war seit 1815 bestrebt, den ver­loren ge­gan­ge­nen Glanz der ehemaligen Residenz­stadt Würzburg we­nigstens durch gelegentliche „aller­höchste Anwe­send­heit“ in Stadt und Theater zu er­setzen.

    Auch zeitgeschichtliche Anlässe werden deutlich: Der deutsch-französische Krieg 1870/71 etwa schlägt sich im Jubel über die Kapitulation von Metz in einer „Frie­dens- und Siegesfeier“ nieder. Und wer genau hin­­sieht, kann auch ablesen, wo Würzburgs ge­die­ge­nes Bildungsbürgertum wohnte – stellte doch bei gro­ßen, publikumsträchtigen Aufführungen die „Di­rec­ti­on der Trambahn nach beendeter Vorstellung zur grö­ße­ren Bequemlichkeit des Publikums Tram­bahn­wa­gen nach Richtung Sanderau bereit“.

    Wer aber erwartet, dass es in der angeblich so gu­ten alten Zeit durchweg in Sphären ambitionierter Hoch­kultur zuging, muss sich eines besseren be­lehren lassen: Der „Komödienstadl“ fand schon im 19. Jahr­hun­dert statt. Das Schlierseer Bauerntheater war in den Spielplänen eine feste Größe und gastierte vor mehr­fach ausverkauftem Haus mit Volksstücken wie der „Gundl vom Königssee“, in der es von Wild­schüt­zen und Kraxlern nur so wimmelte. Possen mit Ge­­sang wie „Die falsche Catalani von Krähwinkel“, in der sich der „Runkelrüben-Kommissions-Assessor Sper­­ling“ mit dem „Stadtkommandant und Fahnen­jun­ker Rummelpuff“ balgte, stellten Wagners „Göt­ter­­dämmerung“, der 1903/04 nur einige Auf­füh­run­gen beschieden waren, spielend in den Schatten.

    Die Würzburger Theaterzettel bilden nach den Würz­­burger Totenzetteln einen neuen Mosaikstein im Di­gi­talisierungskonzept der Universitäts­bib­liothek. Im Rahmen der „Bayerischen Landes­bib­lio­thek On­line“ will die Würzburger Unibibliothek im Inter­net noch weitere elektronische theater- und personen­ge­schichtliche Quellen, historische Doku­mente, mit­tel­al­terliche Handschriften und „E-Books“ mit Bezug zu Fran­ken und besonders zu Unterfranken an­bieten:

    www.franconica-online.de

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