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    Studierende ebneten den Weg zum Praktikum

    29.03.2007

    Ullrich Reuter hat an der Uni Würzburg ein Projektseminar der besonderen Art realisiert: Sechs Monate lang konnten seine Studierenden körperbehinderte Jugendliche beim schwierigen Prozess der Berufswahlvorbereitung begleiten. Dafür wird der Sonderpädagoge jetzt mit dem Preis „Pädagogik innovativ“ des Bayerischen Lehrerinnen- und Lehrerverbandes ausgezeichnet.

    Ein Team aus Studentinnen und Schülerinnen vom Zentrum für Körperbehinderte bei der Vorbereitung auf das Betriebspraktikum. Foto: Ullrich Reuter
    Ein Team aus Studentinnen und Schülerinnen vom Zentrum für Körperbehinderte bei der Vorbereitung auf das Betriebspraktikum. Foto: Ullrich Reuter

    Der 50-Jährige bekommt den mit 1.000 Euro dotierten Preis heute (29. März) um 17:00 Uhr bei einer Festveranstaltung in der Geschäftsstelle des Verbandes in München überreicht. Reuter stammt aus Winterhausen bei Würzburg. Er hat Pädagogik und Sonderpädagogik studiert und war danach 20 Jahre lang als Sonderschullehrer in Förderzentren für Körperbehinderte tätig. Seit 2004 ist er an die Uni Würzburg abgeordnet und unterrichtet hier in den Fachrichtungen Körperbehinderten- und Geistigbehindertenpädagogik.

    Anfang 2005 erhielt Reuter eine Anfrage: Helmut Herold vom Zentrum für Körperbehinderte im Würzburger Stadtteil Heuchelhof wollte wissen, ob eine vertiefte Zusammenarbeit zwischen Uni und Schule möglich sei. Das Team am Förderzentrum hatte erkannt, dass es seine Konzepte zur Vorbereitung der Schüler auf das Berufsleben weiterentwickeln musste. „Weil man Integration und gesellschaftliche Teilhabe anstrebt, ist es heutzutage nicht mehr so, dass die Schulabgänger automatisch in Werkstätten für behinderte Menschen eingegliedert werden“, sagt Reuter. Stattdessen werde vermehrt versucht, ihnen auch Perspektiven auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt zu eröffnen. Doch die Lage dort ist für Alle schwierig, zudem wachsen die Anforderungen an Bewerber immer mehr.

    Reuter konzipierte also ein Projektseminar zur Begleitung der Schüler auf ihrem Weg ins Berufsleben. Er sah darin spannende und anregende Lernmöglichkeiten für die Studierenden. In seiner Zeit als Lehrer habe er fast immer Referendare und Studierende betreut und dabei festgestellt, wie wichtig für sie frühzeitige Erfahrungen mit der Berufspraxis sind.

    Bei dem Seminar machten 15 Studierende sowie acht Schülerinnen und neun Schüler mit. Viele der Schüler, die damals zwischen 17 und 19 Jahre alt waren, haben nicht nur körperliche Einschränkungen, sondern zusätzlich Lernbehinderungen oder geistige Behinderungen. Aufgrund spastischer Lähmungen sind manche auf den Rollstuhl angewiesen.

    In Gruppen aus zwei bis drei Schülern und ebenso vielen Studierenden wurde gemeinsam versucht, die Wünsche, Interessen und Fähigkeiten der Jugendlichen herauszufinden. Davon ausgehend wurden die Vorbereitungen auf ein Blockpraktikum getroffen, das die Schüler in Betrieben oder Firmen ableisten wollten. Dabei kamen mehrere fachspezifische Methoden zum Einsatz – etwa der 1992 von Gottfried Hiller entwickelte „Lebensordner“. Darin hatten die Schüler ihre „Lebensunterlagen“ –Geburtsurkunde, Zeugnisse, Lebenslauf und mehr – zu sammeln und in Ordnung zu halten. Schon dabei konnten die Studierenden viel über „ihre“ Schüler erfahren, etwa wie selbstständig und zuverlässig sie sind.

    Weitere Vorbereitungsmaßnahmen waren eine persönliche Zukunftswerkstatt, Besuche im Berufsinformationszentrum der Arbeitsagentur oder Rollenspiele in Sachen Telefontraining und Bewerbungsgespräch. Sobald der Praktikumswunsch feststand und genug Informationen gesammelt waren, mussten die Schüler eine Praktikumsstelle finden. Dabei wurden sie je nach Bedarf und Wunsch von den Studierenden unterstützt.

    „Bei einigen klappte die Praktikumssuche auf Anhieb, manche bekamen erst nach etwa zehn Bewerbungsschreiben und einigen Vorstellungsgesprächen eine Zusage“, so Reuter. Am Ende aber hatten Alle ihr ein- oder zweiwöchiges Praktikum im gewünschten Tätigkeitsfeld bekommen. Die Studierenden begleiteten die meisten Schüler auf deren Wunsch zum ersten Praktikumstag. Ansonsten fand die Woche im Betrieb weitgehend ohne intensivere Betreuung statt. Die Studierenden waren Ansprechpartner für die Firma, besuchten die Schüler dort ein- oder zweimal und führten mit ihnen und den betrieblichen Betreuern das Abschlussgespräch.

    Die Nachbereitung zeigte: Fast alle Schüler hatten nach eigener Aussage gute Erfahrungen gemacht. Die meisten waren aber zur Überzeugung gelangt, dass sie zwar gut und zur Zufriedenheit der Betriebe gearbeitet hätten, dass aber wegen ihrer körperlichen oder anderen Beeinträchtigungen für sie voraussichtlich keine Ausbildung im jeweiligen Berufsfeld in Frage komme. Auch darum wollten viele noch andere Tätigkeitsfelder ausprobieren.

    Aus den Erfahrungen des Projekts hat das Würzburger Förderzentrum inzwischen die Berufswahlvorbereitung für seine Schüler konzeptionell weiterentwickelt. Unter anderem werden die Methoden Lebensordner und Zukunftswerkstatt jetzt in den Klassen der Abschlussstufe als feste Unterrichtsbausteine angewendet.

    Dass die gemeinsamen Lernprozesse nicht folgenlos blieben, zeigt auch die Rückmeldung eines Studenten. Bei einem Treffen mit „seinem“ Schüler berichtete dieser, dass er für das neue Schuljahr schon einen Praktikumsplatz gefunden habe – ganz allein und selbstständig: „Schließlich weiß ich ja jetzt, wie so was geht.“

    Ein Fachartikel von Florian Bestle und Ullrich Reuter zur Berufswahlvorbereitung am Förderzentrum wird im April in Heft 2/2007 der Zeitschrift Sonderpädagogische Förderung erscheinen. In künftigen Seminaren will Reuter außerdem auf die Erfahrungen aus dem Projekt zurückgreifen und das Konzept weiterentwickeln.

    Von Robert Emmerich

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