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    Schwache Herzen stark gemacht

    01.12.2008

    Erst galten sie als genetischer Müll, jetzt als Hoffnungsträger für Herzkranke. Gemeint sind winzige Bruchstücke des Erbguts, die micro-RNAs. Würzburger Forscher fanden sie nun erstmals im Herzen, blockierten sie und konnten so Mäuse mit Herzschwäche heilen. Das berichtet die Zeitschrift "Nature".

    Eine viel versprechende Therapiemöglichkeit gegen Herzschwäche beschreiben Würzburger Wissenschaftler in der Zeitschrift Nature. Foto: Gerd Altmann / Pixelio.de
    Eine viel versprechende Therapiemöglichkeit gegen Herzschwäche beschreiben Würzburger Wissenschaftler in der Zeitschrift Nature. Foto: Gerd Altmann / Pixelio.de

    Die micro-RNA, die die Würzburger erstmals im Herzen ausfindig gemacht haben, ist sowohl bei Mäusen als auch bei Menschen für die Entstehung der Herzmuskelschwäche mit verantwortlich. Sie verhindert die Bildung eines Proteins, wodurch sich im Bindegewebe des Herzens die Funktion bestimmter Zellen verändert. Über kurz oder lang führt das zur Herzschwäche, auch Herzinsuffizienz genannt.

    Derzeitige Therapie gegen Herzschwäche

    Ist das Herz erst einmal geschwächt, gibt es derzeit keine Hoffnung auf Heilung. „Bisher haben wir nur Medikamente wie Beta-Blocker oder ACE-Hemmer, die das Fortschreiten der Erkrankung verzögern und dazu führen, dass die Patienten länger leben“, so der Würzburger Mediziner Johann Bauersachs. Trotzdem gehört die Herzschwäche zu den Haupttodesursachen in westlichen Ländern.

    Große Hoffnung verspricht nun der Fund der Herzforscher um Stefan Engelhardt vom Rudolf-Virchow-Zentrum sowie um Thomas Thum und Johann Bauersachs von der Medizinischen Klinik I: Als sie die micro-RNA bei gesunden Mäusen blockierten, waren diese gegen Herzschwäche geschützt. Bereits erkrankte Mäuse konnten die Wissenschaftler mit der neuen Therapie sogar heilen. Sie verabreichten ihnen ein synthetisch hergestelltes Stück RNA, das die micro-RNA unschädlich macht.

    Stefan Engelhardt, Thomas Thum und Johann Bauersachs (von links). Fotos privat

    micro-RNA-Blocker leicht herstellbar

    Bevor ein solcher micro-RNA-Blocker beim Menschen zum Einsatz kommen könnte, muss er natürlich noch in umfassenden klinischen Studien getestet werden. Aber die Würzburger sehen schon jetzt großes Potenzial in ihrem neuen Ansatz: „Wir haben ein ganz neues therapeutisches Werkzeug. Der micro-RNA-Blocker ist chemisch relativ einfach aufgebaut und leicht herzustellen. Die weitere Entwicklung dieser neuwertigen Therapie läuft derzeit mit Hochdruck“.

    Fakten zu micro-RNAs

    Die Entschlüsselung des menschlichen Erbguts brachte eine Überraschung: Nur ungefähr 1,5 Prozent der gesamten genetischen Information werden für die Herstellung von Proteinen benötigt. Dabei bergen die Gene den Bauplan für die Proteine. Diese Information wird über eine Art Kopie, die Boten-RNA, in Proteine umgeschrieben.

    Die restlichen 98,5 Prozent der Gene galten lange als bedeutungsloser „Müll“, weil ihrer RNA keine nennenswerte Funktion zugeordnet werden konnte. 2006 wurde jedoch der Medizin-Nobelpreis für die Entdeckung verliehen, dass auch RNAs, aus denen keine Proteine entstehen, wichtige Aufgaben im Körper erfüllen. Diese RNA-Stücke regulieren die Bildung der Proteine, indem sie direkt an die Boten-RNA binden. Geht dabei etwas schief, dann produziert der Körper beispielsweise zu viele oder zu wenige Proteine – die Körperzelle gerät aus dem Gleichgewicht, Krankheiten können entstehen.

    „MicroRNA-21 contributes to myocardial disease by stimulating MAP kinase signalling in fibroblasts“, Thum, T., Gross, C., Fiedler, J., Fischer, T., Kissler, S., Bussen, M., Galuppo, P., Just, S., Rottbauer, W., Frantz, S., Castoldi, M., Soutschek, J., Koteliansky, V., Rosenwald, A., Basson, M.A., Licht, J.D., Pena, J.T.R., Muckenthaler, M., Tuschl, T., Martin, G.R., Bauersachs, J. and Engelhardt, S. (2008) Nature, Nov. 30 [DOI: 10.1038/nature07511].

    Kontakt:

    Prof. Dr. Stefan Engelhardt ist Anfang Oktober vom Rudolf-Virchow-Zentrum an die Technische Universität München gewechselt. T (089) 41403260, stefan.engelhardt@tum.de

    Prof. Dr. Johann Bauersachs, Medizinische Klinik I der Universität Würzburg, T (0931) 201-36301, Bauersachs_J@klinik.uni-wuerzburg.de

    Dr. Dr. Thomas Thum, Nachwuchsgruppe des Interdisziplinären Zentrums für Klinische Forschung, Medizinische Klinik I der Universität Würzburg, T (0931) 201-36455, Thum_T@klinik.uni-wuerzburg.de

    Von Sonja Jülich / Robert Emmerich

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