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    Schule ist kein Zulieferbetrieb

    15.03.2007

    Das Gymnasium dürfe nicht nur als „Zulieferer für die Abnehmer Hochschule und Wirtschaft“ gesehen werden. „Kinder und Jugendliche bilden die nachrückende Generation der Gesellschaft insgesamt, nicht nur den Nachwuchs für Universitäten oder Betriebe.“ Das betonte Professor Eckart Liebau, Erziehungswissenschaftler aus Erlangen, bei der Tagung „Gymnasiale Bildung der Zukunft“ an der Uni Würzburg.

    Die Tagungsteilnehmer sahen die Gefahr, dass das Lernen am Gymnasium mehr und mehr auf die wirtschaftliche „Verwertbarkeit“ des Individuums ausgerichtet wird. Selbstverständlich müssten Heranwachsende durch die gymnasiale Bildung dazu befähigt werden, Verantwortung in Wissenschaft, Kultur oder Gesellschaft zu übernehmen und sich sicher auf internationalem Parkett zu bewegen. Der Leitsatz müsse allerdings bleiben: erst Bildung, dann Ausbildung.

    Zu den Schwerpunkten von Dorit Bosse, die an der Uni Würzburg seit 2005 die bayernweit einzige Professur für Gymnasialpädagogik innehat, gehört die Lehr-Lern-Forschung. In ihrem Vortrag plädierte sie für einen Unterricht, der sich den Alltags- und Lebenserfahrungen der Schüler öffnet und deren persönliche Interessen, Lernvoraussetzungen, Begabungen, Selbstständigkeitsstreben und individuelle Vorlieben für bestimmte Arbeitsformen berücksichtigt.

    „Auf den Punkt gebracht könnte man sagen, offener Unterricht ist für die Spontaneität, die Individualität und die Selbsttätigkeit seiner Schüler offen“, resümierte die Gymnasialpädagogin. Während der lehrergesteuerte Unterricht ein Lernen im Gleichschritt bedeute, setze ein offener Unterricht an der Unterschiedlichkeit der Schüler an und versuche, den Unterschieden durch eine differenzierende Unterrichtsgestaltung gerecht zu werden.

    Dass der Lehrer im schülergesteuerten Unterricht keineswegs überflüssig wird, betonte Professor Rudolf Messner von der Uni Kassel: Die Betreuung des selbsttätigen Lernens verlange dem Lehrer eine Fülle schwieriger didaktischer Entscheidungen ab. Unter anderem gelte es abzuwägen, wie viel Selbstständigkeit dem einzelnen Schüler beim Lernen gewährt werden kann.

    Ministerialrat Walter Gremm aus dem Bayerischen Kultusministerium betonte die hohe Bedeutung des Abiturs hinsichtlich der Frage der Studierfähigkeit. Er verwies auf eine Studie von Baumert & Köller: Darin werde nachgewiesen, dass die Abiturdurchschnittsnote den Studienerfolg vorhersagbar macht: Gute Noten bedeuten demnach mehr Erfolg im Studium. Vor allem mit Blick auf die Frage, ob sich die Universitäten zukünftig ihre Studierenden selbst aussuchen sollen, betonten die Tagungsteilnehmer, dass bereits die Abiturnote ein solider Indikator für die allgemeine Studierfähigkeit sei.

    Bei der internationalen Tagung diskutierten am 9. und 10. März mehr als 100 Gymnasiallehrer, Studierende, Eltern und Wissenschaftler im Toscanasaal der Residenz über das Gymnasium, über Allgemeinbildung, pädagogische Unterrichtskonzepte und die Frage der Studierfähigkeit. Eingeladen hatte das Zentrum für Lehrerbildung der Universität Würzburg zusammen mit Gymnasialpädagogik-Professorin Dorit Bosse. Es nahmen Bildungsexperten aus der Schweiz, Österreich und Deutschland teil.

    Das Würzburger Zentrum für Lehrerbildung will künftig verstärkt solche Foren für die Auseinandersetzung über Bildungsfragen eröffnen. Denn gelingen könnten Reformen auf diesem Feld nur, wenn Schule, Politik und Wissenschaft gut zusammenarbeiten. Bei der Tagung bedauerte mancher Diskussionsteilnehmer, dass Eltern, Lehrer und Schüler über all den strukturellen Reformbeschlüssen der Politik protestmüde geworden seien oder angesichts der zahlreichen strukturellen und finanziellen Grenzziehungen resigniert hätten. „Man muss sich wundern, was in der einzelnen Schule dann doch noch alles ermöglicht wird“, schloss Professor Ludwig Huber aus Bielefeld, der als profunder Kenner der Bildungslandschaft gilt: „Es gibt immer wieder Wunder.“

    Die Beiträge der Tagung sollen demnächst auf der Internet-Seite des Zentrums für Lehrerbildung veröffentlicht werden: www.zfl.uni-wuerzburg.de

    Von Robert Emmerich

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