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    Neues zur Multiplen Sklerose

    12.08.2013

    Aggressive Immunzellen können über einen bislang unbekannten Kanal ins Gehirn eindringen. Das berichten Forscher aus Münster und Würzburg in „Nature Medicine“. Ihre Entdeckung eröffnet neue Perspektiven für die Behandlung der Multiplen Sklerose.

    Blutgefäß im Gehirn eines Gesunden (obere Reihe) und eines Multiple-Sklerose-Patienten (unten). Gefärbt sind die Zellkerne (blau), der Kaliumkanal TREK-1 (rot) und die Endothelzellen (grün), die die Blutgefäße auskleiden. Rechts sind die Bilder übe
    Blutgefäß im Gehirn eines Gesunden (obere Reihe) und eines Multiple-Sklerose-Patienten (unten). Gefärbt sind die Zellkerne (blau), der Kaliumkanal TREK-1 (rot) und die Endothelzellen (grün), die die Blutgefäße auskleiden. Rechts sind die Bilder überlagert. Bei Patienten ist der Kanal (rot) kaum noch vorhanden. Dadurch können vermehrt Entzündungszellen aus dem Blutgefäß ins Gehirn eindringen. (Bild: Stefan Bittner)

    Alleine in Deutschland leiden rund 130.000 Menschen an der Multiplen Sklerose (MS). Die Krankheit beginnt meist zwischen dem 20.und 40. Lebensjahr und verläuft schubweise: Nach und nach zerstört das Immunsystem die Isolierschicht, mit der die Nervenfasern in Gehirn und Rückenmark umgeben sind.

    Am Anfang spüren die Betroffenen oft ein Kribbeln in Armen und Beinen. Sie stolpern auch häufiger oder haben Schwierigkeiten beim Sehen. In schweren Fällen kommt es später zu gravierenden Behinderungen; manche Patienten sind dann auf einen Rollstuhl angewiesen. Bislang lässt sich die Krankheit nicht heilen, nur lindern.

    Wie stellt man sich den Krankheitsprozess heute vor? Dazu Professor Christoph Kleinschnitz, einer der Leiter der Klinischen Forschungsgruppe für Multiple Sklerose an der Universität Würzburg: „Als erstes werden die schädlichen Immunzellen fälschlicherweise aktiviert. Dann durchdringen sie die Blut-Hirn-Schranke – das ist eine Barriere des Gehirns, die sie normalerweise nicht überwinden können. Und schließlich lösen sie in Gehirn und Rückenmark Entzündungen aus.“

    Kalium-Kanal als neuer Angriffspunkt

    Für das Eindringen ins Gehirn brauchen die Immunzellen offenbar einen bislang unbekannten Kanal, wie Kleinschnitz mit Kollegen von der Universität Münster in „Nature Medicine“ berichtet. Der Kanal (TREK-1) sitzt in den Zellen, die die kleinen Blutgefäße auskleiden, und ist normalerweise dafür zuständig, Kalium-Ionen aus den Zellen hinaus ins Blut zu schaffen.

    Allerdings sorgt der Kanal auch dafür, dass sich die schädlichen Immunzellen an der Blutgefäßwand anheften und durch sie hinweg ins Gehirn einwandern können. Genau diesen Prozess haben die Forscher nun in verschiedenen Tiermodellen erfolgreich gestört. Der Effekt: Die Symptome der Multiplen Sklerose wurden schwächer.

    Nächstes Ziel: Noch bessere Wirkstoffe

    Als nächstes wollen die Wissenschaftler weitere Wirkstoffe entwickeln, die noch gezielter und stärker an den Kanälen angreifen. „Möglicherweise ergibt sich aus dieser Arbeit eines Tages ein Medikament, mit dem sich die Therapie der Multiplen Sklerose weiter verbessern lässt“, so Dr. Stefan Bittner und Professor Sven Meuth, die beiden federführenden Autoren des Artikels.

    Ihre Hoffnung ist berechtigt: Die Wirksamkeit der Strategie, die Immunzellwanderung durch die Blut-Hirn-Schranke zu blockieren, ist prinzipiell belegt.

    Diese Arbeiten wurden unter anderem im Würzburger Sonderforschungsbereich 688 (Mechanismen und Bildgebung von Zell-Zell-Wechselwirkungen im kardiovaskulären System) von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert.

    "Endothelial TWIK-related potassium channel-1 (TREK1) regulates immune-cell trafficking into the CNS", Stefan Bittner, Tobias Ruck, Michael K Schuhmann, Alexander M Herrmann, Hamid Moha ou Maati, Nicole Bobak, Kerstin Göbel, Friederike Langhauser, David Stegner, Petra Ehling, Marc Borsotto, Hans-Christian Pape, Bernhard Nieswandt, Christoph Kleinschnitz, Catherine Heurteaux, Hans-Joachim Galla, Thomas Budde, Heinz Wiendl & Sven G Meuth. Nature Medicine, 11. August 2013, DOI 10.1038/nm.3303

    Kontakt

    Prof. Dr. Christoph Kleinschnitz, Neurologische Universitätsklinik Würzburg, T (0931) 201-23756, christoph.kleinschnitz@uni-wuerzburg.de

    Von Robert Emmerich

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