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    Neuere Forschungen zum Ersten Weltkrieg

    14.08.2014

    Wer war schuld am Ausbruch des Ersten Weltkriegs? Allein das Deutsche Reich? So zumindest steht es im Friedensvertrag von Versailles aus dem Jahr 1919. Neuere Arbeiten aus der Geschichtswissenschaft kommen zu anderen Antworten.

    Der russische Zar Nikolaus II. auf einem Bild von 1914 (Foto: Wikimedia Commons)
    Der russische Zar Nikolaus II. auf einem Bild von 1914 (Foto: Wikimedia Commons)

    Ausgangspunkt für den Ersten Weltkrieg war ein Konflikt zwischen Österreich und Serbien, der sich um die Vormachtstellung auf dem Balkan drehte. Als die serbische Führung am 28. Juni 1914 den österreichischen Thronfolger in Sarajewo ermorden ließ, löste das in Europa die Julikrise aus: Auf der einen Seite standen Österreich-Ungarn und das Deutsche Reich, auf der anderen Seite die sogenannten Entente-Mächte England, Frankreich, Russland und das mit ihm verbündete Serbien. Anfang August 1914 mündete die Krise in den Ersten Weltkrieg.

    Wer trug die Verantwortung für den Ausbruch des Krieges? „An dieser Frage macht sich fast die ganze geschichtswissenschaftliche Forschung über den Ersten Weltkrieg fest“, sagt Rainer Schmidt, Professor für Neueste Geschichte und Didaktik der Geschichte an der Universität Würzburg. Dabei werde die Diskussion in Deutschland bis heute hauptsächlich von zwei Thesen bestimmt. Beide gründen auf der Ansicht, dass Deutschland allein für den Krieg verantwortlich war – so wie es im Friedensvertrag von Versailles 1919 festgelegt wurde.

    Zwei Thesen zur Frage der Kriegsschuld

    Die These das Historikers Fritz Fischer von 1961 geht davon aus, dass das imperialistische Streben des Deutschen Reichs im Ersten Weltkrieg gipfelte. Ihr zufolge hat Deutschland den serbisch-österreichischen Konflikt gezielt instrumentalisiert, um ein umfangreiches Kriegszielprogramm durchzusetzen und eine Position als Weltmacht zu erringen.

    Die Gegenthese des „kalkulierten Risikos“ vertritt dagegen die Ansicht, dass die deutsche Reichsleitung ein nach Prioritäten abgestuftes Kalkül verfolgte. Dieses schwankte zwischen einem diplomatischen Erfolg, womit die Zerstörung der Einigkeit zwischen England, Frankreich und Russland gemeint war, einer lokalen Begrenzung des Konflikts auf Österreich und Serbien sowie zwischen der Möglichkeit, einem „Präventivkrieg“ – einem Zweifrontenkrieg gegen Frankreich und Russland – nicht aus dem Wege zu gehen, solange noch eine Siegchance bestand.

    Perspektive auf alle Kriegsmächte erweitert

    Beide Thesen sind laut Professor Schmidt methodisch angreifbar, weil sie in ihrer Quellenbasis auf Deutschland und Österreich-Ungarn eingeengt sind. Die Strategien und Kriegspläne der anderen Mächte blieben dabei weitgehend ausgeblendet. „Krisen und Kriege sind aber immer ein mehrdimensionales Geflecht zwischen vielen Akteuren. Das sieht man aktuell in der Ukraine und in Nahost, das war auch damals so“, sagt Schmidt.

    Kein Wunder also, dass der Würzburger Professor neuere Forschungen begrüßt, die mit einer erweiterten Perspektive an die Kriegsschuldfrage herangehen. Einige der entsprechenden Veröffentlichungen sind 2014 erschienen, genau rechtzeitig zum 100. Jahrestag des Kriegsausbruchs.

    Als Autoren nennt Schmidt beispielhaft Christopher Clark, Margaret MacMillan, Sean McMeekin oder Thomas G. Otte– allesamt Historiker aus Großbritannien. „Solche Ansätze konnten nur von außen kommen“, meint Schmidt. Die deutsche Geschichtswissenschaft sei dazu nicht fähig, denn sie bewege sich nach wie vor in einem „Irrgarten“ zwischen den beiden oben genannten Thesen.

    Nach Verantwortung gefragt statt nach Schuld

    „Interessant finde ich den Ansatz der britischen Kollegen, nicht nach der Schuld am Krieg zu fragen, sondern nach der Verantwortung“, sagt Schmidt. „Schuld“ sei ohnehin ein moralisch-religiöser Begriff, der in der Geschichtswissenschaft nichts verloren habe. Besser frage man nach der Verantwortung – also danach, welcher Akteur etwas tat, um den Krieg zu vermeiden, auch um den Preis des eigenen Nachgebens. Die Antwort: „Keiner. Die Verantwortung für den Ausbruch des Krieges war gleichmäßig verteilt.“ Die neueren Forschungen zeigen mehrere Beispiele auf, die diese Ansicht stützen.

    Mehrere Blankoschecks wurden ausgestellt

    Eine kriegstreibende Ursache war unter anderem die Zusicherung Deutschlands an Österreich, in jedem Fall fest an der Seite des Bündnispartners zu stehen – wie auch immer die Julikrise sich auswachsen würde. „Man stelle sich einmal vor, der deutsche Außenminister würde heute der Ukraine einen solchen Blankoscheck geben“, sagt Schmidt, „das wäre grob fahrlässig und würde die Krise befeuern.“ 1914 allerdings habe es noch zwei weitere Blankoschecks gegeben, die zur Eskalation der Julikrise beitrugen: Einer ging von Russland an Serbien, der andere von Frankreich an Russland.

    Was Frankreich und Russland taten

    Die Entente-Mächte heizten die Krisenstimmung auf dem Balkan auch in anderer Hinsicht mit auf. Frankreich, seit 1892 mit Russland verbündet, stärkte dieses Bündnis ganz offensiv. Unter anderem finanzierte es die Aufrüstung des Zarenreichs und den Bau von Eisenbahnen, die zur russisch-deutschen Grenze führten. Ziel dabei war es, Kriegsmaterial und Soldaten schnell an die Front verfrachten zu können.

    Russland selbst lieferte nur zwei Tage nach dem Attentat auf den österreichischen Thronfolger über 120.000 Gewehre und 120 Millionen Schuss Munition an Serbien – verbunden mit dem erwähnten Blankoscheck. Zar Nikolaus II., der eigentlich keinen Krieg wollte, tat das auf Druck seines Generalstabs. Gleichzeitig bereitete Russland die militärische Mobilmachung vor und begann diplomatische Sondierungen mit England und Frankreich. „In Russland hatte man von Anfang an eine Eskalation der Krise im Auge“, meint Schmidt.

    Stimmung in der Reichsleitung kippte

    England war dabei, mit Russland eine Marinekonvention über ein Zusammenwirken in der Ostsee abzuschließen: Ihr zufolge wollte England im Kriegsfall die Landung russischer Marineinfanterie an der Küste Pommerns absichern. Damit drohte dem Deutschen Reich eine dritte Front und es sah den „Einkreisungsring“ um sich verfestigt, wie der Professor erzählt.

    Von der Marinekonvention habe die Leitung des Deutschen Reichs durch einen Spion erfahren, der in der russischen Botschaft in London eingeschleust war. Die Nachricht sorgte laut Schmidt für einen Umschwung: Generalstabschef Helmuth Johannes Ludwig von Moltke war ohnehin schon seit längerer Zeit für einen Präventivkrieg gegen Russland („je eher, desto besser“), Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg dagegen wollte einen solchen Krieg vermeiden und setzte dabei auf eine Kooperation mit England. Doch die britisch-russische Marinekonvention erschütterte seine Bemühungen, so dass er umschwenkte und sich den Präventivkriegsbefürwortern nicht mehr entschlossen in den Weg stellte.

    Hinweis

    Die hier beschriebenen Arbeiten über den Ausbruch des Ersten Weltkriegs haben in Deutschland eine Debatte unter Historikern entfacht. Darum geht es in einem weiteren Beitrag, der in der kommenden Woche auf der Homepage der Universität Würzburg erscheinen wird.

    Im ersten Teil der „Weltkriegs-Reihe“ hat Professor Schmidt erklärt, warum der Erste Weltkrieg auch als „Urkatastrophe“ des 20. Jahrhunderts gesehen wird.

    Zum ersten Artikel über den Ersten Weltkrieg 

    Kontakt

    Prof. Dr. Rainer Schmidt, Institut für Geschichte, Universität Würzburg, rainer.schmidt@uni-wuerzburg.de

    Weitere Bilder

    Von Robert Emmerich

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