piwik-script

English Intern

    Mit geschmückten Waffen in den Krieg

    20.08.2014

    Im Ersten Weltkrieg sollten auch die Schulen die anfängliche Kriegseuphorie vieler Deutscher unterstützen. Schulwandbilder waren dabei weit verbreitetes Propagandamaterial. Ein besonders eindrückliches Beispiel dafür ist das Bild „Ausmarsch 1914“.

    Schulwandbild „Ausmarsch 1914“, F. E. Wachsmuth Leipzig um 1915
    Schulwandbild „Ausmarsch 1914“, F. E. Wachsmuth Leipzig um 1915

    Rund 20.000 schulische Wandbilder beherbergt die Forschungsstelle Historische Bildmedien an der Universität Würzburg; sie stellt damit ein einzigartiges Bilderarchiv da. Auch Bilder aus der Zeit des Ersten Weltkriegs sind Bestandteil der Sammlung.

    Aus Anlass des Kriegsausbruchs vor 100 Jahren hat die Pressestelle der Universität die Leiterin der Forschungsstelle, Dr. Ina Katharina Uphoff, gebeten, Wandbilder herauszusuchen, die sich mit diesem Thema beschäftigen, und diese zu kommentieren. Hier ist ihr Bericht:

    Bilderbücher machen mit dem Krieg vertraut

    „Mit Beginn des Ersten Weltkriegs erhält die Schule die Funktion, die anfängliche Kriegseuphorie des deutschen Volkes mit zu unterstützen. Hierfür sind durch den Wilhelminischen Militarismus und die Untertanenerziehung des 19. Jahrhunderts bereits die Grundlagen gelegt. Zur Identifikation mit den Leitzielen des Kaiserreiches gesellt sich die Identifikation mit dem Krieg.

    Mit ‚Soldaten-Bilderbüchern‘ und ab 1914 ‚Kriegsbilderbüchern‘ werden Kinder mit den Themen Vaterland, Kampfesmut und Heldentod vertraut gemacht. Im schulischen Unterricht nehmen sich die einzelnen Fächer des Krieges auf je eigene Weise an: Im Geschichtsunterricht wird zugunsten der neueren und neuesten Geschichte auf die ‚gewaltigen Zeiten‘ eingegangen; als Ergänzung zu den Lesebüchern des Deutschunterrichts erscheinen im Jahre 1915 im Hirt Verlag die ‚Kriegslesestücke‘, die die Schüler direkt mit der Kriegspropaganda in Berührung bringen. Und selbst die Rechenaufgaben sind vom Krieg durchdrungen: Kriegsrechenaufgaben als Erweiterung der bestehenden Rechenbücher bringen das Thema Krieg in die Schulstube. Eine der Aufgaben von 1915 lautet:

    „Das Schrapnell ist ein Hauptkampfgeschoss der Feldartillerie gegen alle lebenden Ziele, soweit sie nicht hinter Deckungen stehen. Es enthält 300 Sprengteile, die meistens Kugelgestalt haben. Eine Schrapnellkugel wiegt 13 g. Wieviel Blei ist zu 240 Schrapnells erforderlich?“

    Neben den Schulbüchern dienen vor allem die schulischen Wandbilder der Steigerung der Kriegsbegeisterung. Fliegerkämpfe und Schützengräben ebenso wie Unterseeboote werden zu Bildsujets im Unterricht und dienen als Anschauungs- und Propagandamaterial.

    Das Schulwandbild „Ausmarsch 1914“

    Ein besonders eindringliches Bild ist das Schulwandbild ‚Ausmarsch 1914‘ nach einem Gemälde des Historienmalers Carl Röhling (1849–1922) aus dem Jahre 1915. Es erscheint im Verlag von F. E. Wachsmuth in Leipzig und zeigt bejubelte Soldaten, die mit geschmückten Waffen dem Aufruf des Kaisers und der Mobilmachung Anfang August 1914 folgen. Deutlich ist die Euphorie sowohl auf Seiten der Soldaten als auch Bevölkerungsseite in Szene gesetzt. Ein Rezensent des Bildes schreibt dazu: ‚Vom Sammelplatz her marschieren die Feldgrauen über den Markt an der Hauptkirche vorbei dem Bahnhof zu. Die beschauliche Ruhe der Kleinstadt ist für heute dahin. Die Bevölkerung eilt zusammen, um den scheidenden Kriegern noch einmal zuzujubeln. Festlich wehen die Fahnen, und festlich ist auch die Stimmung, die uns aus diesem Kleinstadtidyll entgegenstrahlt.‘ (Schulwart)

    In den Krieg ausziehende Soldaten sind ein beliebtes Motiv zu Kriegsbeginn. Selbst Kriegspostkarten, wie die Karte ‚Ausmarsch‘ von Brynolf Wennerberg 1914, zeigen glorifizierend heitere Soldaten, die durch die Straße ziehen und von jubelnden Frauen mit Proviant versorgt werden. Man hört gleichsam das Trommeln und die Jubelrufe. Zweifel und Widerstand sind nicht gewünscht.

    Interessant ist hier eine Parallele zu einer Fotografie vom August 1914, die möglicherweise sogar als Vorlage für das Schulwandbild diente und die für die historische Forschung so bedeutsame Spannung zwischen Realitätsgehalt und fiktionaler Gestaltung der Bilder offenlegt.

    Beachtenswert ist schließlich, dass im Jahre 1960 im Verlag von Paul Stockmann in einer Serie mit Bildern zum Geschichtsunterricht das Bild „Ausmarsch zum Weltkrieg 1914“ erneut erscheint. 46 Jahre nach Kriegsbeginn wird mit dem Bild des „Ausmarsches“ der Erste Weltkrieg in die Klassenzimmer der neuen Bundesrepublik geholt und die Bedeutung des Anfangs, die in der Metapher des Ausmarsches aufblühte, unterstrichen. Wurde seinerzeit der ‚Anfang‘ als Aufbruch in eine neue Zeit gefeiert, gilt er nunmehr als Metapher für den Unheil bringenden Beginn des Ersten Weltkrieges. Im Kommentar heißt es folgerichtig: ‚Damit begann ein überaus bedeutsames Ereignis, das eine Zeiten- und Schicksalswende einleitete, in deren Folgen wir heute noch stehen.‘

    Übrigens hat sich nicht nur die Pressestelle bei ihrer Recherche zum Ersten Weltkrieg an die Forschungsstelle Historische Bildmedien erinnert. Die gesammelten Bilder sind immer wieder in großen nationalen und internationalen Ausstellungen zu bewundern – so auch jetzt: Anlässlich des Gedenkens an den Beginn des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren haben diverse Museen Bilder angefragt. Unter anderem kann derzeit das Bild ‚Ausmarsch 1914‘ im Kreishaus I des Märkischen Kreises in Altena angeschaut werden.

    Das Bild als Mittel der vaterländischen Erziehung

    Während die nationalsozialistische Nutzung von Bildern als Mittel der Propaganda hinlänglich bekannt und über Forschungen dokumentiert ist, stellt sich der indoktrinierende Bildereinsatz Anfang des 20. Jahrhunderts und während des Ersten Weltkrieges als deutlich weniger präsent dar. Dabei verwendet schon die vaterländische Erziehung des deutschen Kaiserreiches das Bild als Hilfsmittel zur Bindung an Monarchie und Nation. Pädagogische Bilder waren von Beginn an Ausdruck einer Konstruktion und Fiktion von Welt, die als historisch durchgängige Struktur auf eine Politik der Bilder verweist. Die Funktion pädagogischer Bilder geht damit weit über die lediglich visuelle Unterstützung von Lehr- und Lernprozessen hinaus. In ihnen werden eine Didaktisierung der kollektiven Identitätsbildung und die Symbolisierung eines kulturellen, mitunter national-kollektiven Gedächtnisses thematisch. Das pädagogische Spezifikum des schulischen Wandbildes liegt also in einer umfassenden und vielschichtigen ästhetischen Darstellung der Welt. Die visuelle Repräsentation unterliegt konkreten Vorgaben, eben auch historisch-politischen, die sowohl die spätere Wissenskonstruktion, die Erkenntnisfunktion als auch den erzieherischen Einfluss der Bilder leiten. Normierende Anforderungen an Inhalt, Form und Qualität sind von Beginn für die Herstellung schulischer Wandbilder prägend.

    Der Entwurf eines nationalen Selbstbilds

    Gerade zu Beginn des Ersten Weltkrieges zeigen sich schulische Wandbilder als Ausdruck nationaler Selbstverständnisse und unterstützende Medien in der Erfindung einer kollektiven vaterländischen Identität. Über sie wird in der flächendeckenden schulischen Unterweisung ein nationales Selbstbild entworfen und späterhin tradiert. In den Bildinhalten und formalen Gestaltungselementen manifestieren sich eben auch politische Absichten und nationale Deutungsmuster. Die besondere Forschungsrelevanz von Schulwandbildern, die weit über die Schul- und Bildungsgeschichte hinausgeht, speist sich also neben der Interdisziplinarität vor allem aus der kulturtradierenden und politischen Funktion. Neben den Schulbüchern sind sie die einflussreichsten didaktisch-methodischen und erzieherischen Medien. Die Visualisierung ist nachhaltiges Prinzip in der Organisation von Lehr- und Lernprozessen sowie der schulischen Sozialisation. Wandbilder haben als zentrale Bildmedien in den Schulen über Generationen hinweg auf die Identitätsbildung eingewirkt und ein national-kulturelles Selbstverständnis geprägt. Über die Bildquellen kann erforscht werden, was faktisch handlungswirksam werden sollte, da über die Bilder Raum-Zeit-Anordnungen eingeübt, Normen inkorporiert und soziale Strukturen stabilisiert worden sind.

    Aufbruch in eine neue nationale Zeit

    Insbesondere der Erste Weltkrieg brauchte die Fiktion des Aufbruchs, der aber zugleich an die kollektive Identät des Vaterländischen gebunden blieb. Anders als der vereinigende Ausdruck des ‚Volksgeistes‘ in Herderscher Prägung bilden kollektive Identitäten die gestaltete Grundlage der Selbstdefinition und werden getragen von eben auch bildlich vermittelten Symbolsystemen. Identität ist also symbolisch vermittelt und lässt ein Band sozialer Zusammengehörigkeit entstehen, das mit der Metapher des Ausmarsches zugleich eine nationale Solidarität intendiert, die mit politischen Ansprüchen verbunden ist. Gerade in Bildern verdichten sich Erzählungen, sind narrative Strukturen enthalten, die als symbolische Zeichen künftige Erinnerungen fixieren und tradieren sollen. Insofern verweist die Metapher des Aufmarsches eben auch in eine neue nationale Zeit.

    Kunst zur Stärkung des Deutschtums

    Die Idee des Nationalstaats beanspruchte stets für die Schaffung eines kollektiven Gedächtnisses die politischen Ereignisse der Geschichte als künftige historische Rückversicherung, die über die bildliche Erziehung gedeckt ist. Kurzum: Die Beförderung der Zusammengehörigkeit unter dem Leitbild der Nation ist wesentliches Moment schulischer Unterweisung im Kontext nicht nur des Ersten Weltkrieges. In der Etablierung einer nationalen Identität stellen die Bilder ästhetisch aufbereitete Identifikationsangebote bereit, um Zugehörigkeit herzustellen und Verschiedenheit im Homogenen aufzulösen, das heisst sie sind Funktionsträger, mit dem Ziel, ein Volk zu bilden. Für ‚Schule und Haus‘ werden Bilder produziert, die neben Bildnissen des Kaisers, Mythen vom beseelten Volksheer sowie Idyllisierungen der Vaterlandes und des Soldatenlebens liefern. Vor allem diejenige Kunst wird gewürdigt, die der Stärkung des Deutschtums verpflichtet ist. Die Klassenzimmer der Schulen werden mit Bildern geschmückt, die zu Elementen des kaiserzeitlichen Gesinnungsunterrichts avancieren, der darauf abzielt, Vaterlandsliebe, Nationalstolz und Gehorsam zu vermitteln.“

    Zur Person

    Dr. Ina Katharina Uphoff hat von 1992 bis 1997 Erziehungswissenschaften an der Universität Duisburg studiert. Von 1998 bis 2002 war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin in einem von der VolkswagenStiftung geförderten Forschungsprojekt an der Universität Würzburg, Thema ihrer Dissertation war: „Der künstlerische Schulwandschmuck im Spannungsfeld von Kunst und Pädagogik. Eine Rekonstruktion und kritische Analyse der deutschen Bilderschmuckbewegung Anfang des 20. Jahrhunderts“. Seit Juni 2008 ist sie Akademische Rätin am Lehrstuhl für Systematische Bildungswissenschaft.

    Kontakt

    Dr. Ina Katharina Uphoff, T (0931) 31-89672, ina.uphoff@uni-wuerzburg.de

    Weitere Bilder

    Von Gunnar Bartsch

    Zurück