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    Historikerstreit um den Ersten Weltkrieg

    22.08.2014

    Im August vor 100 Jahren begann der Erste Weltkrieg. In Erinnerung daran gibt es aktuell eine publizistisch geführte Debatte, die gerade in Deutschland sehr spezifisch verläuft. Dreh- und Angelpunkt dabei ist die Frage nach der Kriegsschuld.

    Extra-Blatt des Neuen Görlitzer Anzeigers vom 1. August 1914: „Der Deutsche Kaiser hat die Mobilmachung angeordnet!“ (Bild: Bundesarchiv / Wikimedia Commons)
    Extra-Blatt des Neuen Görlitzer Anzeigers vom 1. August 1914: „Der Deutsche Kaiser hat die Mobilmachung angeordnet!“ (Bild: Bundesarchiv / Wikimedia Commons)

    „In anderen Ländern war die Debatte um die Schuld am Ersten Weltkrieg weitgehend eine Sache der Historiker. In Deutschland dagegen war sie immer eine Sache der Politik und der Öffentlichkeit – mit großem Einfluss auf den Diskurs in der Geschichtswissenschaft“, sagt Professor Rainer Schmidt, Geschichtsprofessor an der Universität Würzburg.

    Warum die Frage nach der Kriegsschuld vor allem die deutsche Öffentlichkeit so stark beschäftigte? Das liegt daran, dass Deutschland im Versailler Friedensvertrag von 1919 die Alleinschuld am Ersten Weltkrieg zugesprochen bekam. Gegen diesen „Schuldspruch“ und die sich daraus ergebende Ächtung durch die anderen Staaten wehrte man sich schon in der Weimarer Zeit. Dabei gehörten die Nationalsozialisten zu den Gruppierungen, die besonders heftig gegen den „Schandvertrag“ agitierten.

    „Debatte drehte sich nie ausschließlich um historische Fakten“

    Auch seit dem Bestehen der Bundesrepublik wurde die Frage der Verantwortung für den Ersten Weltkrieg weiter diskutiert – diesmal vor allem mit dem Ziel, den Krieg als Wurzel des Nationalsozialismus offenzulegen. „Dabei drehte sich die Debatte in Deutschland nie nur um historische Fakten, sondern auch um moralisch-politische Thesen“, sagt Professor Schmidt. „Sie machte sich nicht an einzelnen Personen fest, sondern an der Nation als Ganzes und an deren Grundwerten.“

    Laut Schmidt zog man nach 1945 in Deutschland vor allem folgende Schlüsse: Die deutsche Demokratie könne nur gedeihen, wenn die Deutschen sich ihrer Vergangenheit bewusst bleiben. Deutschland als Staat, der die Vorherrschaft in Europa anvisierte und darum zwei Weltkriege auslöste – dieses negative Bild müsse den Deutschen gegenwärtig bleiben und Maßstab ihres politischen Handelns sein. Das heißt: „Sich klein machen, der Musterknabe Europas sein. So und nicht anders wurde und wird das gesehen“, sagt Schmidt.

    „Vehemente publizistische Auseinandersetzung“

    Genau diese politische Dimension der Debatte spiegele sich „in der vehementen publizistischen Auseinandersetzung wider, die sich jetzt in den deutschen Medien abspielt“. Diese Auseinandersetzung ist für Schmidt eine Reaktion auf neuere Veröffentlichungen: Historiker, wie der Australier Christopher Clark, kommen darin zum Schluss, dass die Verantwortung für den Ersten Weltkrieg nicht dem Deutschen Kaiserreich allein anzulasten sei, sondern gleichmäßig auf alle beteiligten Mächte in Europa verteilt ist.

    „Gegen diese Veröffentlichungen machen in Deutschland viele Historikerkollegen publizistisch mobil, weil sie ihre Deutungshoheit über die Julikrise und die Kriegsentfesselung durch das Deutsche Reich nicht einbüßen wollen“, sagt der Würzburger Professor. Zu diesen Historikern zählt er Gerd Krumeich, John Röhl, Hans-Ulrich Wehler, Andreas Wirsching und andere Anhänger der These von Fritz Fischer. Die These stammt von 1961 und besagt, dass Deutschland im Jahr 1914 einen genau kalkulierten Krieg lostrat, um eine Weltmachtposition zu erringen.

    Schmidt: „Diese Historiker bleiben fixiert auf die alleinige Verantwortung Deutschlands für den Ersten Weltkrieg. Sie erkennen in den neueren Veröffentlichungen einen zielstrebigen Versuch, den deutschen Anteil am Krieg zu verwischen, die deutsche Politik insgesamt zu beschönigen und die Deutschen von Schuldvorwürfen zu befreien. Sie befürchten, dass Deutschland – befreit von der Last der Vergangenheit – sich wieder auf eine Bahn der Machtpolitik begibt und den Zuchtmeister Europas spielt.“

    „Political Correctness ist das Ende jeder Wissenschaft“

    Schmidt grenzt sich von dieser Sichtweise ab: „Historiker dürfen sich nicht davon abhängig machen, welche politischen Konsequenzen ihre Ergebnisse nach sich ziehen könnten. Es ist das Ende jeder Wissenschaft, wenn man sich an eine vermeintliche Political Correctness hält, welcher Art auch immer sie sein mag.“

    Kritik an der „moralisierenden, unwissenschaftlichen Betrachtungsweise“ mancher Fachkollegen kommt nicht nur von Rainer Schmidt, sondern beispielsweise auch von den Historikern Dominik Geppert, Sönke Neitzel und Thomas Weber. Diese drei vertraten am 4. Januar 2014 in einem gemeinsamen Artikel in der Tageszeitung „Welt“ die Ansicht, das Deutsche Reich werde bis heute zu Unrecht als Allein- oder Hauptschuldiger für den Ersten Weltkrieg an den Pranger gestellt. Es sei an der Zeit, die deutsche Staatsräson ohne die Bürde der Vergangenheit zu definieren.

    Kontakt

    Prof. Dr. Rainer Schmidt, Institut für Geschichte, Universität Würzburg, rainer.schmidt@uni-wuerzburg.de

    Hinweis

    Mit diesem Artikel endet die kleine Reihe, in der Professor Rainer Schmidt zum Ersten Weltkrieg befragt wurde. Im ersten Teil hat Schmidt erklärt, warum der Erste Weltkrieg auch als „Urkatastrophe“ des 20. Jahrhunderts gesehen wird, im zweiten Teil ging es um neuere geschichtswissenschaftliche Arbeiten über den Weltkrieg.

    Zum ersten Artikel über den Weltkrieg

    Zum zweiten Artikel über den Weltkrieg

    Weitere Bilder

    Von Robert Emmerich

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