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    Gerechte Noten gibt es nicht

    12.02.2014

    Zeugnistag – für den einen Grund zur Freude, für den anderen ein Schreckenstag. Der Würzburger Bildungsforscher Johannes Jung kennt die Vor- und Nachteile des schulischen Bewertungssystems. Er fordert: Nehmt den Noten die Bedeutung.

    Johannes Jung lehrt und forscht am Lehrstuhl für Grundschulpädagogik. (Foto: Gunnar Bartsch)
    Johannes Jung lehrt und forscht am Lehrstuhl für Grundschulpädagogik. (Foto: Gunnar Bartsch)

    Wenn am Freitag in Bayern die Zwischenzeugnisse verteilt werden, fließen mit Sicherheit mancherorts wieder Tränen. Und nicht nur Schüler, sondern auch Eltern werden sich fragen, ob Noten eigentlich sein müssen. Wie gerecht ist das System der Notenvergabe? Gibt es bessere Alternativen? Und wie fühlen sich eigentlich Lehrer, wenn Kinder vor ihnen in Tränen ausbrechen?

    Diese Fragen haben wir einem gestellt, der es wissen muss: Der Privatdozent Dr. Johannes Jung lehrt und forscht am Lehrstuhl für Grundschulpädagogik der Universität Würzburg. Davor hat er zehn Jahre lang selbst an Grundschulen unterrichtet. Im vergangenen Jahr hat Jung ein Buch, passend zu diesem Thema veröffentlicht. Dessen Titel lautet: „Schülerleistungen erkennen, messen, bewerten“.

    Herr Jung, sind Noten gerecht? Nein, natürlich nicht. Jede Note ist nur ein Etikett, das einem Schüler nach einer Leistungsmessung aufgeklebt wird. Dass dieser Prozess der Leistungsmessung von einer Reihe von Faktoren beeinflusst wird, die mit der eigentlichen Leistung nichts zu tun haben, haben viele Studien in der Vergangenheit gezeigt. Das fängt schon damit an, dass jeder Lehrer anders beurteilt.

    Gibt es denn ein System, das gerechter ist? Nicht wirklich. Natürlich gibt es heute eine komplexe und ausgefeilte Diagnostik von Lernentwicklungsprozessen. Da werden beispielsweise für jedes Kind sogenannte Lerntagebücher geführt, die alle möglichen Aspekte berücksichtigen, wie etwa eine schwierige familiäre Situation, die zur Folge hat, dass das Kind sich momentan schlecht konzentrieren kann. Aber auch diese Form der Bewertung zieht eine Fülle von Sekundäreffekten nach sich und erzeugt möglicherweise durch eine sehr subjektive Auswahl dieser Aspekte neue Ungerechtigkeiten. Ein Wortgutachten ist jedenfalls nicht automatisch gerechter als ein System, das Noten von 1 bis 6 vergibt.

    Also müsste man das System der Leistungsbewertung ganz abschaffen. Das wäre eine radikale Alternative: eine Schule ohne Leistungsbeurteilung. Und das könnte auch funktionieren, wenn die nachfolgenden Institutionen – also beispielsweise die Universität oder ein Arbeitgeber – die Bewerber nicht anhand von Zeugnisnoten auswählen, sondern eigene Testverfahren durchführen. Sie entscheiden dann selbst, welche Fähigkeiten ein Bewerber besitzen muss, und lassen ihn einen dazu passenden Test absolvieren. In unserer Gesellschaft ist das allerdings wenig wahrscheinlich, schließlich übernimmt die Schule in unserem System eine starke Selektionsfunktion. Wobei ich es wünschenswert fände, wenn sie ein Stück weit darauf verzichtet.

    Was können Lehrer tun, um das System gerechter zu machen? Der einfachste Weg ist, die Noten klein zu machen. Soll heißen: Ihnen die Bedeutung nehmen. Und das bedeutet im Alltag: Die Lehrer sollten vielleicht sogar häufiger Noten geben. Wenn dann ein Kind eine schlechte Note bekommt, ist klar: Das war heute, das war dieses eine Thema. Und morgen sieht alles möglicherweise schon wieder ganz anders aus.

    Man sagt: Gute Noten motivieren die guten Schüler, schlechte Noten demotivieren die anderen. Stimmt das so? Im Durchschnitt gesehen, ja. Da macht es allerdings keinen Unterschied, ob die Bewertung in Form von Ziffernnoten oder in Form einer verbalen Beurteilung erfolgt. In jedem Fall kann solch ein Fremdurteil ein Selbstbild zementieren, weil es dem Kind die scheinbare Bestätigung dafür liefert, dass es nichts kann. Man darf das aber nicht über einen Kamm scheren: Der Mechanismus, warum ein Kind mal von einer schlechten Note erschüttert ist und warum es sich ein andermal dadurch anstacheln lässt, ist von Situation zu Situation unterschiedlich. Überhaupt habe ich die Erfahrung gemacht, dass viele Kinder auch mit schlechteren Noten relativ gut umgehen können. Da fließen natürlich mal Tränen, aber nach einer halben Stunde ist das wieder vergessen.

    Setzen die Noten die Kinder also gar nicht so sehr unter Druck, wie es bisweilen heißt? Meiner Erfahrung nach gehen Kinder vor allem in den ersten Jahren Grundschule eher locker damit um. Schwierig wird es später, wenn eine Wettbewerbssituation entsteht, wenn Eltern nachfragen, wie die anderen Kinder in einer Probe abgeschnitten haben, wenn sie das eigene Kind taxieren. Weil unser Bildungssystem so früh selektiert, fließt der gesellschaftliche Druck in die Schulen. Aber wir leben nun einmal in einer hochselektiven Gesellschaft; und die Schule ist nur ein Abbild davon.

    Noten sollen Vergleiche ermöglichen. Funktioniert das überhaupt noch in einer Zeit, in der Schulen inklusiv arbeiten und Lehrer starken Schülern andere Aufgaben stellen als schwachen? Das ist tatsächlich ein Problem, das noch lange nicht ausdiskutiert ist. Die sogenannte Lernzielgleichheit war ja über lange Zeit hinweg eine Stärke unseres Schulsystems. Dieses Ziel aufzugeben bedeutet eine große Herausforderung für Lehrkräfte. Wie soll man denn die Leistung eines Autisten bewerten, der im Unterricht nicht spricht? Das bringt die Schule an den Rand ihrer Leistung. Ich glaube, in solchen Fällen bietet sich nur eine pragmatische Lösung an: Dann gibt man bestimmten Schülern gar keine Noten mehr oder viele Noten nur noch unter Vorbehalt. Ich befürchte allerdings, dass die Abkehr von der Lernzielgleichheit dazu führen wird, dass einige Kinder unter ihren Möglichkeiten bleiben werden, weil sie nicht mehr ausreichend gefordert werden.

    Wenn Kinder wegen einer schlechten Note in Tränen ausbrechen, lässt das den Lehrer eigentlich kalt? Nein, natürlich nicht. Jede Note trifft einen selbst. Mir persönlich gehen allerdings andere Kinder noch mehr ans Herz, die man in letzter Zeit immer häufiger sieht. Das sind Kinder, die mit einem enormen Selbstoptimierungsanspruch in die Schule kommen. Die erlauben sich keine Schwäche, die dulden keinen Makel, die verzweifeln wegen einem Tintenklecks in ihrem Heft. Und die Schule bestimmt deren Leben auf eine Art und Weise, die beängstigend ist.

    Das Buch „Schülerleistungen erkennen, messen, bewerten“ ist in der Reihe „Praxiswissen Bildung“ im Kohlhammer-Verlag Stuttgart erschienen. Preis: 17,90 Euro

    Kontakt

    PD Dr. Johannes Jung, T: (0931) 31-84885, E-Mail: johannes.jung@uni-wuerzburg.de

     

    Von Gunnar Bartsch

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