piwik-script

Intern

    Frühstart ins Studium

    10.10.2008

    Eben erst das Abitur bestanden – und jetzt schon das Vordiplom in der Tasche. Was drei Frühstudierende der Uni Würzburg geschafft haben, ist in Bayern bislang einzigartig. Im Hauptstudium wollen die Drei mit dem gleichen Elan weitermachen – nur zwei allerdings bleiben in Würzburg.

    Erfolgreiche Frühstudierende
    Sie sind die ersten Frühstudierenden in Bayern, die im Früstudium ihr Vordiplom, bzw. die Zwischenprüfung abgelegt haben (v.l.): Georg Loho und Anne Fernengel in Mathe, Timo Heisenberg in Philosophie. Dazwischen Uni-Präsident Axel Haase.

    430 Unterrichtsstunden hat Anne Fernengel in der 11. Klasse gefehlt. Keine Sorge: Die Aschaffenburger Gymnasiastin hat nicht etwa exzessiv geschwänzt – ganz im Gegenteil. Anne Fernengel ist ein- bis zweimal pro Woche extra früh aufgestanden, hat das Haus um halb Sieben verlassen und hat sich auf den Weg nach Würzburg gemacht, um dort an der Universität als Frühstudentin Kurse in Mathematik zu belegen. Vier Jahre lang ging das so; in diesem Frühjahr hatte Anne Fernengel das Abitur bestanden und parallel dazu ihr Vordiplom in Mathematik abgelegt. Jetzt kann die frisch gebackene Studentin direkt im Hauptstudium weitermachen, so wie zwei andere Frühstudenten der Universität Würzburg auch: Georg Loho, der ebenfalls das Vordiplom in Mathematik bestanden hat, und Timo Heisenberg, der im Sommer die Zwischenprüfung im Magisterstudiengang Philosophie erfolgreich ablegen konnte. Beide kommen aus der gleichen Schule: dem Wirsberg-Gymnasium in Würzburg.

    Eine bundesweit führende Erfolgsgeschichte

    „Sie haben nicht nur an den Vorlesungen und Übungen teilgenommen. Sie haben darüber hinaus akademische Prüfungen mit hervorragendem Erfolg absolviert – teilweise sogar besser als reguläre Studierende“, lobte Unipräsident Axel Haase die drei Frühstudierenden im Rahmen der Semesterfeier am Hubland, bei der auch die übrigen 54 Frühstudierenden Zertifikate für die im Sommersemester erbrachten Leistungen erhielten. Als „bundesweit führende Erfolgsgeschichte“ habe sich das Würzburger Frühstudium etabliert, sagte Haase in seinem Grußwort. Seinen Start im Wintersemester 2004/05 habe es der Einsicht in die Tatsache verdankt, dass es weder Einheitsschüler noch Einheitsstudenten gibt. Zusätzliche Angebote seien deshalb nötig, um auch besonders begabte und leistungsbereite Schüler fördern zu können – Angebote wie eben das Frühstudium.

    Kreativität und Disziplin sind gefragt

    Dabei war das Vordiplom für Anne Fernengel ursprünglich gar kein Ziel. „Mich hat Mathematik einfach interessiert und fasziniert“, sagt die heute 18-Jährige. Von Schönheit und Exaktheit, von Harmonie und von Kreativität spricht Fernengel, wenn sie die Faszination der Mathematik beschreiben soll – aber auch von Disziplin und Ausdauer beim Knobeln und Tüfteln, und das in einem durchaus positiven Sinn. Durch einen Zeitungsbericht war die Schülerin auf das Frühstudium in Würzburg aufmerksam geworden; schnell konnte sie Eltern und Lehrer dafür gewinnen. An der Uni habe sie sich gleich wohlgefühlt, auch wenn sie deutlich jünger als ihre Kommilitonen war.

    Gute Noten und weite Anfahrtswege

    Ähnlich positiv fällt das Urteil der übrigen Frühstudierenden an der Universität Würzburg aus. Im Durchschnitt vergeben die etwa 160 Schülerinnen und Schüler, die das Angebot in den vergangenen Jahren wahrgenommen haben, die Note 2 – also „gut“, wie Professor Wolfgang Schneider erläuterte. Schneider ist Psychologe, Vizepräsident der Uni Würzburg und als Direktor der Begabungspsychologischen Beratungsstelle Verantwortlicher für das Projekt „Frühstudium“. Bei der Semesterfeier präsentierte er die Ergebnisse einer aktuellen Untersuchung dieses Projekts. 60 bis 70 Schüler und Schülerinnen besuchen demnach jedes Semester Vorlesungen und Seminare in einem von insgesamt 19 der belegten Fächern – angefangen bei der Anglistik über Latein bis zur Wirtschaftswissenschaft; sogar zulassungsbeschränkte Fächer sind dabei wie Medizin oder Psychologie. Als Fachkoordinator kommt Dr. Richard Greiner vom Institut für Mathematik aus dem richtigen „Stall“: Mathematik ist ganz klarer Favorit der Frühstudierenden; für dieses Fach entschieden sich bisher 31 Prozent der Bewerber. Auf Platz 2 folgt die Physik (16 Prozent), auf Rang 3 liegt die Informatik (11 Prozent). Im Durchschnitt sind die Frühstudierenden 17 Jahre alt – mit einer Spannbreite von 14 bis 20; weite Anfahrtswege nehmen sie in Kauf, um seinen Wissensdurst zu stillen: 50 Kilometer im Durchschnitt – einfache Distanz. Manche Teilnehmer haben aber auch Entfernungen von 100 Kilometern nicht davon abgehalten, sich in Würzburg einzuschreiben.

    Spitzenleistungen sind keine Seltenheit

    Durchschnittlich zwei Veranstaltungen besucht er oder sie im Semester und legt in einer davon auch eine Prüfung ab. „Der Anteil der bestandenen Prüfungen liegt bei 70 Prozent. Spitzenleistungen werden in rund der Hälfte der Fälle erbracht“, sagte Schneider. Wobei der Psychologe als Spitzenleistung definiert, wenn der Prüfling zu den zehn Prozent Besten zählt. „Insgesamt fällt die Resonanz aller Beteiligter positiv aus“, lautete sein Fazit. Das Niveau der Frühstudierenden sei teilweise sehr hoch; die Möglichkeit der Orientierung spiele bei der Entscheidung für den Gang an die Uni eine wichtige Rolle. Der Wunsch, den Lebenslauf zu beschleunigen, stehe hingegen nicht im Vordergrund.

    Ein einfaches Studium reicht nicht aus

    Und so will sich Timo Heisenberg jetzt auch „ordentlich viel Zeit nehmen“ für sein reguläres Studium. Heisenberg hat sich vor sechs Semestern für die Philosophie entschieden und in diesem Sommer die Zwischenprüfung abgelegt. Die Metaphysik des Aristoteles und Husserls Einführung in die Phänomenologie waren seine Themen. „Ich bin froh, dass ich die Möglichkeit hatte, neben der Schule das Frühstudium zu absolvieren“, sagt der 19-Jährige. Trotz der Doppelbelastung mit Schule und Studium habe er sich nie überfordert gefühlt; ja, nicht einmal von „Belastung“ möchte er sprechen. Stattdessen hat er sogar noch die Zeit gefunden, sich beim Schülerplanspiel United Nations zu engagieren. Klar, dass sich Heisenberg jetzt nicht mit einem „normalen“ Studium zufrieden geben wird. Er hat sich für ein Doppelstudium entschieden und der Philosophie die Geschichte zur Seite gestellt.

    Lob vom Wissenschaftsminister

    Dass man „an diesem Haus unglaublich gut lernen kann“, bestätigte Wissenschaftsminister Thomas Goppel der Universität Würzburg in einem Grußwort per Videobotschaft. Das hier entwickelte Frühstudium sei „mustergültig für alle anderen Universitäten“. Auch für die Frühstudierenden fand der Minister lobende Worte: „Die Universität Würzburg ist gut. Und es ist gut, dass Sie nachwachsen. Denn später braucht die Uni guten Nachwuchs.“

    Bleibt abzuwarten, ob der dann tatsächlich noch in Würzburg ist. Timo Heisenberg und Georg Loho führen ihr Studium auf alle Fälle hier erst einmal weiter. Anna Fernengel hingegen hat sich an der Bonner Universität eingeschrieben. Allerdings nicht, weil ihr das Angebot dort besser gefiele. Private Gründe sind dafür verantwortlich, dass die begabte Mathematikerin ihre Karriere an Rhein fortsetzen wird.

    Links:

    Frühstudium

    Die Begabungspsychologische Beratungsstelle

    Von Gunnar Bartsch

    Zurück