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    Der Erste Weltkrieg als Urkatastrophe

    07.08.2014

    Am 1. August vor 100 Jahren begann der Erste Weltkrieg, der Europas Gesicht bis heute prägt. Geschichtsprofessor Rainer Schmidt von der Uni Würzburg schildert, warum dieser Krieg als „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ angesehen wird.

    Karte der Militärbündnisse in Europa von 1914. (Bild: Wikimedia Commons)
    Karte der Militärbündnisse in Europa von 1914. (Bild: Wikimedia Commons)

    Vielen Historikern gilt der Erste Weltkrieg (1914-1918) als „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“. Auch Rainer Schmidt, Professor für Neueste Geschichte und Didaktik der Geschichte an der Universität Würzburg, sieht das so: „Damals wurde gewissermaßen die Büchse der Pandora geöffnet, und daraus kroch ein Unheil, das Gift für die ganze Geschichte des 20. Jahrhunderts sein sollte.“

    Wie sah das Unheil aus, das dieser Krieg hervorbrachte? Der Professor macht das mit einigen Beispielen deutlich.

    Vernichtungswaffen und Massenagitation

    Ab 1914 wurden zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit moderne Vernichtungswaffen eingesetzt: Flugzeuge ermöglichten großflächige Bombardements, mit Maschinengewehren und Giftgas wurden Menschen in großer Zahl umgebracht. Das ergab ein weiteres Novum in der Geschichte: Eben wegen dieser Waffen traf der Krieg in einem bislang nicht gekannten Ausmaß Soldaten und Zivilisten gleichermaßen.

    Bis dahin unbekannt war auch eine staatliche Kriegspropaganda, bei der die Gegner gezielt verunglimpft wurden: Die Massenagitation etablierte sich als Mittel der internationalen Politik. Im Deutschen Reich waren zum Beispiel aufpeitschende Parolen im Umlauf wie „Jeder Schuss ein Russ, jeder Stoß ein Franzos, jeder Tritt ein Brit“ oder „Serbien muss sterbien“. Die anderen Nationen hielten sich mit Schmähungen ebenfalls nicht zurück.

    Sprengsatz statt Sicherheitsgürtel

    Durch den Versailler Friedensvertrag von 1919 veränderte sich die europäische Landkarte gravierend. Neu geschaffen wurden unter anderem die baltischen Staaten, Polen, die Tschechoslowakei, Ungarn und Jugoslawien. Die Absicht dahinter: Diese Länder sollten vor allem einen „Sicherheitsgürtel“ zwischen dem bolschewistischen Russland und Deutschland bilden, dem die gesamte Schuld am Krieg auferlegt wurde.

    Dazu Rainer Schmidt: „Der ‚Sicherheitsgürtel‘ erwies sich aber schnell als Sprengsatz für die internationale Politik. Denn er spaltete das europäische Staatensystem in Status-quo-Mächte und in aggressive Mächte, die die Verhältnisse von vor dem Krieg wiederherstellen wollten.“ Eine offenkundig schlechte Basis, um neue Konflikte zu vermeiden. Der französische Marschall Ferdinand Foch sagte hellsichtig voraus, dass die neu geschaffene Ordnung keinen dauerhaften Frieden bringen werde, sondern lediglich „ein Waffenstillstand für zwanzig Jahre“ sei.

    Aus dem Friedensvertrag ergab sich laut Schmidt „auch der in der Zwischenkriegszeit grassierende Bazillus des Faschismus und des Totalitarismus. Diktatorische Regime schossen wie Giftpilze aus dem Boden, der in Paris bereitet worden war. Diesem ‚Bazillus‘ fielen – bis auf Großbritannien, Frankreich, den Beneluxstaaten, der Schweiz und der Tschechoslowakei – so gut wie alle Staaten in Europa anheim, die in Paris geschaffen worden waren.“

    Zwei Supermächte als Gegner

    Eine weitere Folge des Ersten Weltkriegs, die bis heute spürbar ist: Ab 1917 traten die USA und die Sowjetunion als akzentsetzende Akteure mit konkurrierenden Gesellschaftsmodellen auf. Als Supermächte bestimmten sie den weiteren Verlauf des Jahrhunderts. „Demgegenüber hatte sich Europa in einem Akt der Selbstzerfleischung, nachdem es in den 400 Jahren davor ein dominanter globaler Faktor gewesen war, aus der Weltpolitik verabschiedet“, meint Schmidt.

    „Wer nicht um die Bedeutung des Ersten Weltkriegs weiß, kann die nachfolgende Entwicklung hin zum Nationalsozialismus, zum Holocaust, zum Zweiten Weltkrieg, zum Kalten Krieg und darüber hinaus nicht verstehen“, so der Würzburger Professor. Beispiel: Auch der aktuell wieder aufgeflammte Nahostkonflikt hat seine Wurzeln im Ersten Weltkrieg: „Mit der Balfour-Deklaration von 1917 sicherte die britische Regierung den Zionisten ihre Unterstützung für die Schaffung einer jüdischen Heimstätte in Palästina zu – die Geburtsstunde des heutigen Staates Israel am Ufer des östlichen Mittelmeers.“

    Schmidt: „EU hat Chance verpasst“

    Der Erste Weltkrieg legte die Basis für das Europa von heute. „Ich halte es für höchst bedauerlich, dass die Europäische Union 100 Jahre später, im Gedenkjahr 2014, die historische Chance verpasst hat, diese Wurzeln offenzulegen“, sagt Professor Schmidt.

    Er ist der Ansicht, dass die EU auf diese Weise eine Erinnerungskultur hätte begründen können, die für das europäische Zusammengehörigkeitsgefühl gut gewesen wäre. Damit hätte sich ein historisches Bewusstsein für die Existenzberechtigung der EU verankern lassen: „Der Blick zurück zeigt, dass das heutige Europa nur mit Frieden, Verständigung und Kooperation vorankommen wird.“

    Publikationsflut trägt diesen Gedanken Rechnung

    Die Prägekraft des Ersten Weltkriegs für Europa zeigt sich auch in einer Vielzahl von Veröffentlichungen, die zum Gedenkjahr 2014 erschienen sind. Dazu zählt Schmidt Artikelserien in großen Tageszeitungen, aber auch neue Bücher von Historikern wie Christopher Clark, Herfried Münkler, Jörn Leonhard, Gerd Krumeich oder Anika Mombauer: „Sie alle leuchten die europäische und globale Tragweite des Krieges aus.“

    Hinweis

    Um diese neueren Arbeiten aus der Geschichtswissenschaft geht es in einem weiteren Beitrag zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Der Beitrag erscheint in der kommenden Woche auf der Homepage der Universität Würzburg.

    Kontakt

    Prof. Dr. Rainer Schmidt, Institut für Geschichte, Universität Würzburg, rainer.schmidt@uni-wuerzburg.de

    Weitere Bilder

    Von Robert Emmerich

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