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    Wenn Schüler einen Stromkreis tanzen

    04.03.2014

    Speziell ausgebildete Künstler bringen Schülern Unterrichtsstoff auf eine ganz besondere Art und Weise bei: Das ist das Prinzip der Unterrichtsmethode „Lernen durch die Künste“. Psychologen der Uni Würzburg haben jetzt den Erfolg dieser Methode untersucht – mit einem überraschenden Ergebnis.

    Und jetzt bitte mal Alle das Bein im rechten Winkel heben! Die Unterrichtsmethode „Lernen durch die Künste“ mag manch Einem ungewöhnlich vorkommen. Aber sie ist erfolgreich. (Foto: Petra Weingart)

    Der Einsatz von LTTA – Learning through the Arts, auf Deutsch: Lernen durch die Künste – lohnt sich. Die Unterrichtsmethode vertieft das Wissen der Schüler, auch über einen längeren Zeitraum hinweg, und steigert ihre Motivation. Nachteile sind nicht zu erkennen.

    Das sind – verkürzt gesagt – die zentralen Ergebnisse einer aktuellen Studie der Universität Würzburg. Verantwortlich für diese Studie ist Dr. Hans-Peter Trolldenier, Experte im Bereich der Pädagogischen Psychologie und bis vor Kurzem Akademischer Direktor, jetzt Lehrbeauftragter am Institut für Psychologie der Universität Würzburg. Unterstützt haben ihn dabei die beiden Diplom-Psychologen Anna-Christine Hambach und Philipp Schröder.

    LTTA – das Konzept

    Ein Künstler, der Interesse daran hat, Schulklassen zu unterrichten. Dazu eine Lehrkraft, die Neuem gegenüber aufgeschlossen ist. Und natürlich die dazugehörige Schulklasse: Das sind die Zutaten für das Programm „Lernen durch die Künste“. Diese drei tun sich zusammen, um regulären Unterrichtsstoff mit Hilfe der Kunst zu vermitteln – nicht im Kunst- oder Musikunterricht, sondern in den klassischen Fächern wie Sprachen, Mathematik, Geschichte oder Physik.

    In der Regel nehmen sich dafür Künstler und Lehrkraft, die beide in LTTA ausgebildet sind, ein Thema gemeinsam vor und behandeln es dann auf unterschiedliche Weise. Dann können beispielsweise Drittklässler unter Anleitung eines Profi-Tänzers durch ihren Körpereinsatz die Bewegung der Elektronen imitieren und dadurch einen Stromkreis nachbilden. Zu einem anderen Thema können Viertklässler tanzend die Aggregatszustände des Wassers – fest, flüssig und gasförmig – darstellen, beispielsweise als Voraussetzung für die Behandlung verschiedener Niederschlagsarten.

    Die Einführung in das Thema übernimmt nach der gemeinsamen Planung meist der Künstler, wobei die Lehrkraft mit anwesend sein muss, aber nur ergänzend und unterstützend mitwirkt. Bei dieser Reihenfolge hält dann die Lehrkraft die restlichen Stunden allein, indem sie die mit der speziellen LTTA-Methode erarbeiteten Inhalte weiterverwendet und das Thema zum Abschluss bringt. Dabei wird im Ganzen dieselbe Stundenzahl benötigt wie im konventionellen Unterricht und wie vom Lehrplan vorgegeben.

    Natürlich nutzt LTTA nicht nur die Fähigkeiten von Tänzern. Zum Einsatz in der Schule kommen je nach Thema auch Bildhauer, Maler, Musiker, Schauspieler und andere mehr. Seinen Ursprung hat das Bildungsprogramm an Kanadas Royal Conservatory of Music in Toronto. Von dort machte es sich Mitte der 90er-Jahre auf den Weg, um weltweit eine neue Unterrichtsform an Schulen zu etablieren. In Deutschland gibt es das Programm bislang ausschließlich in Unterfranken. Seit 2006 hat sich Dr. Petra Weingart, verankert am Zentrum für Lehrerbildung der Universität Würzburg, der Aufgabe angenommen, das Programm auch an hiesigen Schulen in die Tat umzusetzen.

    LTTA – die Studie

    „Lohnt sich LTTA an deutschen Schulen?“: Diese Frage haben Hans-Peter Trolldenier und seine Mitarbeiter im vergangenen Jahr untersucht. „Wir haben uns dabei auf zwei Aspekte konzentriert: den Leistungsbereich auf der einen Seite und die Lernmotivation oder Lernfreude auf der anderen“, erklärt der Psychologe. Aus praktischen Gründen haben sich die Wissenschaftler dabei auf die dritte Jahrgangsstufe an Grundschulen beschränkt und auf fünf Themengebiete aus dem verbindlichen Lehrplanstoff.

    282 Kinder haben insgesamt an der Studie teilgenommen. Sieben Klassen mit zusammen 139 Kindern wurden nach der LTTA-Methode unterrichtet; 143 Kinder aus anderen sieben Klassen erhielten den klassischen Unterricht. In den Unterrichtseinheiten ging es um den Stromkreis, die Sinnesorgane Auge oder Ohr, geometrische Körper, den rechten Winkel und um Wahrscheinlichkeiten. Jeweils kurz vor diesen Lehrsequenzen, kurz danach und dann noch einmal zum Schuljahresende maßen die Psychologen das Wissen und den Lernzuwachs der Kinder in den jeweiligen Gebieten. Mit speziellen Testverfahren erfassten sie außerdem die Lernmotivation und die Lernfreude.

    LTTA – die Ergebnisse

    „Die Testergebnisse bestätigen die Überlegenheit der LTTA-unterrichteten Klassen im Wissens- und Kenntnisstand“: So fassen die Wissenschaftler das zentrale Ergebnis ihrer Untersuchung zusammen. Egal ob es um den Stromkreislauf, den rechten Winkel oder das Sinnesorgan ging: In allen Fällen war der Wissenszuwachs bei den Schülern aus der LTTA-Gruppe signifikant höher, verglichen mit der Gruppe, die am konventionellen Unterricht teilgenommen hatte. Dieser Effekt zeigte sich nicht nur kurz nach den jeweiligen Lehreinheiten. Auch beim zweiten Test zum Schuljahresende schnitten die LTTA-Klassen deutlich besser ab. „Diese große Differenz im Langzeitwissenseffekt zeigt besonders deutlich die Wirkung der LTTA-Methode im Vergleich mit dem konventionellen Unterricht“, heißt es in der Studie.

    Was den Bereich Lernmotivation und Lernfreude betrifft, fallen die Ergebnisse nicht ganz so eindeutig aus. Zwar fanden die Wissenschaftler bei den Themen „Stromkreis“, „rechter Winkel“ und „Wahrscheinlichkeiten“ eine stärkere Motivation und größere Freude am Lernen bei der LTTA-Gruppe. Ging es um Sinnesorgane und geometrische Körper blieben diese Unterschiede allerdings aus. Die Wissenschaftler vermuten jedoch, dass sich auch in diesen beiden Fällen ein „LTTA-Effekt“ bemerkbar machen könnte. „Das Thema ‚Sinnesorgane‘ hat für jeden Schüler eine besondere persönliche Bedeutung. Und beim Thema ‚geometrische Körper‘ müssen die Lehrkräfte zwingend viel Anschauungsmaterial verwenden“, erklärt Hans-Peter Trolldenier. Das aber sei eben auch ein Prinzip von LTTA: ein hohes Maß an Anschaulichkeit und ein intensives Arbeiten mit den Lerngegenständen.

    Überhaupt ist LTTA kein Voodoo, kein Zauber und keine Wundermethode. „LTTA enthält sehr viele fachdidaktische, pädagogische und psychologische Prinzipien für einen sinnvollen und effektiven Unterricht, die sich auch in anderen Unterrichtsmethoden in der einen oder anderen Form finden lassen“, sagt Trolldenier. In einer Zeit, in der selbst der bayerische Kultusminister auf seiner Homepage „individuelle Förderung statt Einheitsschule“ fordert, könne LTTA zu einem erstrebenswerten Schulprofil wesentlich beitragen.

    LTTA – der Kongress

    Der Öffentlichkeit erstmals vorgestellt hat Hans-Peter Trolldenier die Ergebnisse der Studie auf einem großen LTTA-Kongress, der jetzt im Februar unter der Leitung von Petra Weingart an der Universität Würzburg stattgefunden hat. Die Teilnehmer aus Kanada, England, Portugal, Slowenien, Österreich, der Slowakei und den deutschen Bundesländer konnten sich dort drei Tage lang über die neuesten Erkenntnisse zum Einsatz von Kunst im Unterricht informieren.

    Kontakt

    Hans-Peter Trolldenier, T.: (0931) 31-84824, trollden@psychologie.uni-wuerzburg.de

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