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    Jubiläum eines Schreibbesessenen

    19.03.2013

    Er war auf dem Höhepunkt seines Erfolgs der bestbezahlte Schriftsteller Deutschlands. Dabei taten sich schon seine Zeitgenossen schwer mit seinen Texten. Am 21. März jährt sich der Geburtstag Jean Pauls zum 250. Mal. Wie seine Texte entstanden, untersuchen Forscher der Uni Würzburg.

    Rund 40.000 handschriftliche Seiten umfasst der Nachlass von Jean Paul. Sie zu lesen erfordert große Übung. Hier zu sehen sind Vorarbeiten zum Roman „Siebenkäs“ (1795). (Quelle: Staatsbibliothek zu Berlin / Arbeitsstelle Jean-Paul-Edition)
    Rund 40.000 handschriftliche Seiten umfasst der Nachlass von Jean Paul. Sie zu lesen erfordert große Übung. Hier zu sehen sind Vorarbeiten zum Roman „Siebenkäs“ (1795). (Quelle: Staatsbibliothek zu Berlin / Arbeitsstelle Jean-Paul-Edition)

    Rund 40.000 Seiten umfasst der Nachlass von Jean Paul (1763-1825) – alle von Hand geschrieben, in einer schwer leserlichen Schrift, bisweilen in einer Art Privat-Stenographie verfasst, von Abkürzungen und Durchstreichungen durchzogen und zum großen Teil noch unveröffentlicht. Wer eine solche Seite zum ersten Mal in der Hand hält, kapituliert schon nach kurzer Zeit. Für die Wissenschaftler der „Arbeitsstelle Jean-Paul-Edition“ an der Universität Würzburg hingegen sind sie beinahe tägliche Lektüre. Immerhin arbeiten sie an einer Historisch-kritischen Ausgabe von Jean Pauls zentralen Werken und wollen dabei vor allem die Entstehung und Entwicklung dieser Schriften dokumentieren. Keine leichte Aufgabe, angesichts der Arbeitsweise eines der bedeutendsten Schriftsteller Deutschlands seiner Zeit.

    Die Arbeitsstelle Jean-Paul-Edition

    „Jean Paul war vom Schreiben besessen“, sagt Helmut Pfotenhauer. Selbst wenn ein Werk veröffentlicht war, habe er weiter daran gearbeitet, Passagen überarbeitet, Absätze ergänzt oder umgeschrieben. Ein Ende, einen Abschluss habe es für ihn eigentlich nicht gegeben. Pfotenhauer hatte von 1987 bis Oktober 2011 den Lehrstuhl für Neuere deutsche Literaturgeschichte I der Universität Würzburg inne; als Seniorprofessor ist er noch heute am Institut für deutsche Philologie beschäftigt. 1993 hat er die Arbeitsstelle Jean-Paul-Edition gegründet, die er seitdem leitet – inzwischen gemeinsam mit Dr. Barbara Hunfeld.

    Jean Paul, porträtiert von Friedrich Meier im Jahr 1810. (Quelle: Wikimedia Commons / Alte Nationalgalerie Berlin)

    Zentrales Projekt der Arbeitsstelle ist derzeit die Edition der Historisch-kritischen Werkausgabe. Seit 2007 von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert, sollen darin bis 2019 zumindest die wichtigsten Werke Jean Pauls in ihrer Entstehungsgeschichte dargestellt und kommentiert werden. Betreut wird dieses Projekt unter anderem von Dr. Birgit Sick. „Wir blicken in die Textwerkstatt und zeigen auf, wie Jean Pauls Schriften entstanden sind und in welcher Weise er sie überarbeitet hat“, schildert die Literaturwissenschaftlerin ihre Arbeit.

    Drei Auflagen – drei Fassungen

    In drei Versionen liegt beispielsweise Jean Pauls erster großer Erfolg, der Roman „Hesperus“, vor: 1795 erschien die erste Auflage. Sie war solch ein durchschlagender Erfolg, dass Jean Paul von da an vom Schreiben leben konnte, als einer der ersten Schriftsteller in Deutschland überhaupt. Bereits drei Jahre später kam eine weitere Auflage auf den Markt – allerdings deutlich überarbeitet. Und auch die dritte Auflage 1819 hatte Jean Paul noch einmal in wesentlichen Teilen verändert. „Bis vor kurzem war nur diese ‚Ausgabe letzter Hand‘ erhältlich“, sagt Birgit Sick. Diese Lücke ist nun mit der Historisch-kritischen „Hesperus“-Ausgabe von Barbara Hunfeld geschlossen, die erstmals die Erstausgabe sowie die beiden späteren Fassungen enthält – nebeneinander angeordnet, so dass der Leser auf den ersten Blick die Veränderungen sehen und mühelos nachvollziehen kann.

    Ausgangspunkt dieser Arbeit ist ein antiquarischer Schatz, der in den Räumen der Arbeitsstelle in einem gut gesicherten Tresor lagert: Die Erstausgaben der Werke Jeans Pauls und die zu seinen Lebzeiten erschienenen weiteren Ausgaben. Sie bilden die Basis für die Arbeit der Wissenschaftler. Seite um Seite werden die Bücher eingescannt und digitalisiert. Anschließend treten diese „Digitalisate“ die Reise nach China an; dort erfassen die Mitarbeiter eines Schreibbüros den Text originalgetreu. „Für diese Arbeit ist es von großer Bedeutung, dass derjenige, der den Text erfasst, ihn nicht einmal ansatzweise lesen oder verstehen kann“, erklärt Helmut Pfotenhauer. Warum? Weil dann auch Schreib- oder Druckfehler wiedergegeben werden, die ein deutscher Leser möglicherweise unbewusst und automatisch korrigieren würde. Und danach beginnt die eigentliche Arbeit der Wissenschaftler, an deren Ende die fertige Druckvorlage für den Verlag steht.

    Die Historisch-kritische Werkausgabe

    Bis dahin heißt das Motto: Aufmerksam Korrektur lesen und immer wieder vergleichen: Das Original mit der Abschrift und natürlich die verschiedenen Fassungen untereinander. „Wir vergleichen die verschiedenen Fassungen auf der Ebene der Absätze miteinander, lassen uns im Computer die Unterschiede anzeigen und setzen die entsprechenden Markierungen für den Druck“, erklärt Birgit Sick. Das Ergebnis sieht dann in der Historisch-kritischen Werkausgabe des Hesperus beispielsweise so aus: Auf der linken Seite ist der Text der Erstausgabe von 1795 zu sehen – immer wieder unterbrochen durch etliche Leerzeilen. Dort hat Jean Paul in der zweiten Fassung Ergänzungen eingefügt, die auf der rechten Seite des Buches stehen, zusammen mit dem unveränderten Text. Am Fußende dieser Seite findet sich ein Apparat, der weitere Änderungen anführt, die der Schriftsteller in die dritte Fassung eingearbeitet hat.

    Natürlich beschränkt sich die Arbeit der Wissenschaftler nicht auf die reine Wiedergabe der verschiedenen Textfassungen. Sie suchen auch nach Vorarbeiten und ersten Entwürfen, auf denen das jeweilige Werk basiert. Der Nachlass, der heute in der Staatsbibliothek zu Berlin aufbewahrt wird, ist dafür eine schier unerschöpfliche Quelle; vor allem Jean Pauls Exzerpthefte liefern jede Menge Material.

    12.000 Seiten Exzerpte

    12.000 Manuskriptseiten umfassen diese Hefte. In ihnen hat Jean Paul von seinem 15. Lebensjahr an alles notiert, was ihm bei seiner umfangreichen Lektüre aufgefallen ist, wovon er möglicherweise angenommen hat, dass er es später in einem seiner Werke verwenden könne. Das können ganze Absätze sein, beispielsweise aus dem Journal für Prediger. Sehr viel häufiger handelt es sich aber nur um kurze Sätze wie „Auf der Universität Krakau müss. alle Lehrer Priester u. (die medizinischen ausgenommen) unverheirathet sein. Wieland in der Statistik Polen“, notiert im Jahr 1787.

    So umfangreich war diese Exzerptsammlung, dass ein Register nicht ausreichte, damit sein Verfasser den Überblick behielt. Tatsächlich hatte Jean Paul auch ein Register für das Register angelegt – und beide immer auf dem neuesten Stand gehalten. Die Wissenschaft profitiert von seiner Akribie: „Die Exzerpte vermitteln uns einen einzigartigen Einblick in die Lese- und Arbeitsgewohnheiten Jean Pauls und in die enzyklopädische Vielfalt seiner Interessen“, sagt Helmut Pfotenhauer. Da Jean Paul dieses Material in seiner schriftstellerischen Arbeit intensivst genutzt habe, sei es von unschätzbarem Wert für die Rekonstruktion seines Schreibverfahrens und für das Verständnis seiner Texte. Wer sich selbst ein Bild davon machen möchte: Die Exzerpte sind inzwischen alle auch online hier zu finden.

    Ein Werk, das schwer zu lesen ist

    Wer heute Jean Paul liest, wird schnell an seine Grenzen kommen. Der Satzbau ist kompliziert, etliche Wörter sind unbekannt, lineares Erzählen existiert kaum. Stattdessen unterbricht Jean Paul immer wieder die eigentliche Handlung, schweift ab, breitet sein Wissen aus, reflektiert das eigene Schreiben, bisweilen weist er sogar den Leser darauf hin, dass nun wieder eine komplizierte Passage folgen werde, die dieser gerne überspringen dürfe. Tatsächlich taten sich auch seine Zeitgenossen schwer mit seinen Werken – was deren Erfolg zumindest über ein paar Jahre hinweg jedoch nicht schmälerte. „Vor allem im Hesperus gibt es viele empfindsame Stellen, die die Leser und vor allem Leserinnen zu dieser Zeit angesprochen haben“, sagt Helmut Pfotenhauer. Die schwierigen Passagen hätten Leser häufig überblättert und dort weitergelesen, wo es für sie wieder interessant wurde.

    Selbst Helmut Pfotenhauer, der in diesem Jahr das 20-jährige Jubiläum der Jean-Paul-Arbeitsstelle feiern kann, gesteht, dass seine Liebe für Jean Paul bisweilen von einer Art Hassliebe überdeckt werde: „Manchmal geht er einem einfach auf die Nerven mit seinem Übermaß an Gelehrsamkeit und einem Zuviel an Gehirnakrobatik“, sagt er. Wer sich davon nicht abschrecken lassen möchte, dem empfehlt der Literaturwissenschaftler zum Einstieg drei Werke: Zum einen die von ihm verfasste Biographie Jean Pauls. Sie ist soeben im Hanser-Verlag erschienen. Zum zweiten Jean Pauls „Selberlebensbeschreibung“. Und zum dritten das „Leben des vergnügten Schulmeisterlein Maria Wutz“.

    Mehr Informationen zur Arbeitsstelle Jean-Paul-Edition und zum Leben und Werk Jean Pauls gibt es hier

    Kontakt

    Prof. Dr. Helmut Pfotenhauer, T: (0931) 31-85641, helmut.pfotenhauer@uni-wuerzburg.de


    Dr. Birgit Sick, T: (0931) 31-85641, birgit.sick@uni-wuerzburg.de

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