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    Gedenkstele für Opfer von NS-Verbrechen eingeweiht

    04.11.2014

    Eine Stele auf dem Gelände der Psychiatrischen Universitätskliniken in Würzburg erinnert an die Tausenden im Dritten Reich zwangssterilisierten und ermordeten psychisch kranken Menschen. Die Einweihung des Denkmals war begleitet von einem wissenschaftlichen Symposium.

    Der Torbogen der alten Würzburger Nervenklinik mit der Gedenkstele für die Opfer des Nationalsozialismus. (Bild: Universitätsklinikum Würzburg)
    Der Torbogen der alten Würzburger Nervenklinik mit der Gedenkstele für die Opfer des Nationalsozialismus. (Bild: Universitätsklinikum Würzburg)

    Als "lebensunwertes Leben" und unter dem verschleiernden Begriff "Euthanasie" wurden im Nationalsozialismus mehr als 250.000 psychisch Kranke ermordet, darunter über 5.000 Kinder. Außerdem wurden etwa 400.000 Menschen zwangssterilisiert. An diesen Verbrechen waren auch Ärzte der Würzburger Universitätskliniken beteiligt.

    Seit diesem Herbst steht auf dem Gelände der Psychiatrischen Universitätskliniken an der Füchsleinstraße in Würzburg eine Steinstele mit den Inschriften "Zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus" und "Zwangssterilisation 1934 ‑ 1945 Euthanasie 1940 - 1945 Außenstelle KZ Flossenbürg 1943 - 1945". Am 25. Oktober 2014 wurde das Denkmal eingeweiht.

    Symposium macht Ausmaße der Beteiligung deutlich

    Ein öffentliches wissenschaftliches Symposium begleitete die Einweihung. Im Fokus standen Ausmaß und Hintergründe der Verbrechen. Dabei wurde die damalige Beteiligung des Universitätsklinikums Würzburg sowie der psychiatrischen Einrichtungen in Lohr und Werneck deutlich. Den gut 80 Teilnehmern gab Privat-Dozentin Maike Rotzoll vom Institut für Geschichte und Ethik der Medizin der Universität Heidelberg einen Überblick über die Hintergründe und Abläufe des nationalsozialistischen Krankenmords.

    Die Expertin verdeutlichte, dass die psychiatrischen Anstaltspatienten die erste von systematischer Vernichtung bedrohte Minderheit der NS-Zeit waren. Schon vor dem ersten Weltkrieg wurden speziell psychiatrische Langzeitpatienten zunehmend als unangenehmes Zeichen des Misserfolgs einer aufstrebenden Disziplin gesehen.

    Knapp 1.000 Zwangssterilisationen an der Universitätsfrauenklinik

    Ab dem Jahr 1934 bot das Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses (GzVeN) die rechtliche Basis für die Zwangssterilisation. Diese richtete sich vor allem gegen Menschen mit Diagnosen wie "Schwachsinn", "Schizophrenie" und "Erbliche Fallsucht", die in der Regel außerhalb von Anstalten lebten. Laut Professor Johannes Dietl wurden an der Würzburger Universitätsfrauenklinik knapp 1.000 Zwangssterilisationen durchgeführt.

    Der seit diesem Jahr pensionierte Direktor der Frauenklinik schilderte in seinem Vortrag, dass durch die Ergebnisse "einer rassenhygienischen und bevölkerungsbiologischen Forschung" das GzVeN auch auf Sinti und Roma anwendbar wurde. Sein damaliger Vorgänger, Klinikdirektor Professor Carl Josef Gauß, war laut Professor Dietl ein früher Verfechter der eugenischen Sterilisation. Auf dessen Betreiben wurde auch ionisierende Strahlung zur Unfruchtbarmachung eingesetzt.

    Bleistiftzeichnungen eines Betroffenen

    Ein beindruckendes Dokument aus der Erlebniswelt eines der Opfer der Zwangssterilisation lieferte Thomas Schmelter vom Bezirkskrankenhaus Werneck. In seinem Vortrag präsentierte der Psychiater eine Reihe von expressiv-künstlerischen Bleistiftzeichnungen, in denen der Wernecker Patient Wilhelm Werner seine traumatischen Erfahrungen niederlegte.

    Während mit der Zwangssterilisation in erster Linie "minderwertige Erbanlagen" ausgemerzt werden sollten, hatte die Euthanasie stark ökonomische Motive. "Hierbei ging es hauptsächlich um die Beseitigung der "unnützen Esser". Deshalb war auch die Arbeitsfähigkeit des Patienten eines der primären Selektionskriterien, berichtete Maike Rotzoll.

    Alle Heil- und Pflegeanstalten mussten ab Oktober 1939 zu jedem psychisch Kranken einen Meldebogen an eine Zentralstelle in Berlin senden. "Hier entschieden dann Gutachter auf der Basis einer einzigen, informationsarmen DIN-A4-Seite über Leben und Tod ‑ ohne den Patienten ein einziges Mal persönlich gesehen zu haben", erklärte die Expertin. Der ärztliche Leiter dieses Euthanasieprogramms war Professor Werner Heyde, der von 1939 bis 1945 in Würzburg den Lehrstuhl für Psychiatrie und Neurologie inne hatte sowie als Direktor der Würzburger Nervenklinik vorstand.

    Bürokratisieren, fälschen und verschleiern

    Die Vorträge von Schmelter und seinem Lohrer Kollegen Holger Münzel machten deutlich, wie unter behördlichen Falschangaben sowie komplexen bürokratischen und logistischen Verschleierungstaktiken die aussortierten Patienten teils über Zwischenstationen letztlich zu einer von sechs Tötungskliniken transportiert und dort vergast wurden. 490 Lohrer und 377 Wernecker Patienten fanden so im Dritten Reich den Tod.

    "Was die Reaktionen bei den Angehörigen der Opfer angeht, gab es das ganze Spektrum: von massivem Widerstand bis zu völliger Übereinstimmung mit der Euthanasie", sagt Rotzoll. Aus heutiger Sicht kaum noch nachvollziehbar: Laut Professor Jürgen Deckert, dem Direktor der Würzburger Klinik und Poliklinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie, befürworteten in einer Umfrage damals bis zu zwei Drittel der Eltern den "Gnadentod" ihrer behinderten Kinder.

    Ein schmerzender und erinnernder "Stachel im Fleisch" der Uniklinik

    "Es ist die Aufgabe aller Psychiater und der gesamten Gesellschaft, dafür zu sorgen, dass sich solches nicht wiederholt", betonte Professor Deckert. Die Form der Gedenkstele symbolisiere deshalb einen Stachel, der quasi tief im "Fleisch" der Würzburger Universitätsnervenklinik stecke – schmerzend und erinnernd.

    Zum Erinnern gehört auch eine umfassende wissenschaftliche Aufarbeitung der teilweise noch undurchsichtigen Geschehnisse. Privatdozentin Karen Nolte vom Institut für Geschichte der Medizin der Uni Würzburg konnte gleich auf mehrere aktuell in Würzburg hierzu laufende Forschungsprojekte verweisen. Außerdem zeichnete sie auf dem Symposium beispielhaft den aus Patientenunterlagen rekonstruierten Weg einer Kranken von der Würzburger Universitätsnervenklinik über die psychiatrische Einrichtung in Werneck bis zur Tötungsklinik in Pirna bei Dresden nach.

    Wie wir einer Wiederholung des Schreckens vorbeugen können

    "Ich empfinde Scham für das, was an dem heute von mir geleiteten Klinikum im Dritten Reich stattfand", bekannte Professor Christoph Reiners, der ärztliche Direktor des Universitätsklinikums Würzburg (UKW), im Rahmen des Symposium. Mit den verschiedenen Formen der Ethikberatung sowie der multilateralen und multiprofessionellen medizinischen Entscheidungsfindung bestehen heute nach seiner Auffassung allerdings Mechanismen, die helfen können, solchen Verbrechen vorzubeugen.

    Professor Marcel Romanos, der Direktor der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des UKW, unterstrich in seinem Schlusswort, dass die Psychiatrie heute nicht mehr eine Institution sei, die über ihre Patienten richte, sondern sich vielmehr als ihr Anwalt und Fürsprecher verstehe. Ein Symbol hierfür ‑ schon in der Namensgebung ‑ sei das im Oktober 2013 am UKW eingerichtete Zentrum für Psychische Gesundheit, das an die Stelle des Begriffs und der Einrichtung "Nervenklinik" getreten sei.

    Mit Material der Uniklinik/Susanne Just

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