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    3D-Druck lässt Sehbehinderte Kunst erleben

    27.01.2015

    Im Rahmen des Seminars "Blind im Museum - Wie geht das?" haben Studierende, das Museum am Dom in Würzburg, das Rechenzentrum der Uni und Schüler der Graf-zu-Bentheim-Schule der Blindeninstitutsstiftung e.V. gemeinsam Wege gefunden, wie Blinde Kunst erleben können.

    Die Jakobusstatue von Tilmann Riemenschneider - hier als  dreidimensionales Mini-Modell aus dem Drucker. Mit ihr können auch Blinde sich "ein Bild" von der Figur machen. (Foto: Marco Bosch)
    Die Jakobusstatue von Tilmann Riemenschneider - hier als dreidimensionales Mini-Modell aus dem Drucker. Mit ihr können auch Blinde sich "ein Bild" von der Figur machen. (Foto: Marco Bosch)

    "Wie genau ich sehe, kann ich eigentlich nicht beschreiben", sagt Louis. Der 13 Jahre alte Schüler der Graf-zu-Bentheim-Schule hat noch eine Restsehstärke von zehn Prozent. Um eine Skulptur wie Käthe Kollwitz' Pieta erleben zu können, muss er sie ertasten. Da so etwas in der Regel in Museen verboten ist, hinterlassen solche Besuche oft eher Enttäuschung als Begeisterung.

    Nicht so im Museum am Dom in Würzburg. "Wir sind vielleicht eine Ausnahme, da wir nicht so arg darauf bedacht sind, unsere Kunstwerke permanent zu schützen – und die Menschen auf Abstand zu halten", sagt Domkapitular Jürgen Lenssen. Im Gegenteil: "Ich glaube sogar, dass man sich durch das Berühren und Abtasten einer Figur, eher deren Seele oder der Intention des Künstlers annähern kann", sagt Lenssen.

    Ertasten ist für Sehbehinderte oft der einzige Weg

    Yvonne Lemke, Museumspädagogin im Museum am Dom, Bernhard Ludewig (links) und Michael Tscherner vom Rechenzentrum der Uni Würzburg. Im Vordergrund eine Miniatur der Pieta aus dem 3D-Drucker der Uni, direkt daneben der Handscanner. (Foto: Marco Bosch) Während das Ertasten für nicht-behinderte Menschen eine weitere Sinneswahrnehmung im Museum sein kann, ist es für Blinde oft die einzige, um Kunst zu erleben.

    Yvonne Lemke, Museumspädagogin im Museum am Dom, Bernhard Ludewig (links) und Michael Tscherner vom Rechenzentrum der Uni Würzburg. Im Vordergrund eine Miniatur der Pieta aus dem 3D-Drucker der Uni, direkt daneben der Handscanner. (Foto: Marco Bosch)

    Noch schwieriger als bei Skulpturen wird es bei Gemälden: Die "Anbetung der Könige" beispielsweise ist ein Blickfang im Museum am Dom. Knallige Farben auf dunklem Hintergrund, großes Format, die Personen und Gegenstände durch Plastiktüten verfremdet. Doch wie lassen sich Gemälde und Plastiken für sehbehinderte und blinde Schüler verständlich machen? Wie können auch diese Zugang zu diesen Werken bekommen?

    Kreative Antworten haben Studierende der Museologie und der Sonderpädagogik an der Universität Würzburg mit ihrer Dozentin Simone Doll-Gerstendörfer von der Professur für Museologie entwickelt und diese gemeinsam mit Schülern der Würzburger Graf-zu-Bentheim-Schule präsentiert. Die Inklusionsschulklasse gab den Studierenden bei dem Projekt immer wieder Rückmeldung zu ihren Bedürfnissen. Fünf Gruppen befassten sich mit unterschiedlichen Projekten.

    Gemälde "Anbetung der Könige" aus Pappe nachgebaut

    Links das Tastmodell, rechts das großformatige Gemälde Im Fall der "Anbetung der Könige" arrangierte die Arbeitsgruppe die Umrisse der abgebildeten Könige aus Pappe auf verschiedenen Ebenen, um die Anordnung und Position zu verdeutlichen.

    Links das Tastmodell, rechts das großformatige Gemälde "Anbetung der Könige"(Foto: Markus Hauck, pow)

    Unterschiedlich strukturierte Oberflächen helfen den Blinden und Sehbehinderten dabei, durch Ertasten die einzelnen Objekte zu unterscheiden. Zudem luden kleine Dosen mit Metallklümpchen, Weihrauch und Myrrhe zum Ertasten und Erschnuppern ein. "Es war für uns wichtig, immer wieder direkt die Meinung der Zielgruppe zu hören. So haben wir die Umsetzung optimieren können", berichten die Studentinnen Andrea Breul und Julia Berzen.

    Willi Gärtner, Student der Museologie im dritten Semester, hat viel in dem von Simone Doll-Gerstendörfer geleiteten Seminar gelernt: "Ich konnte mir vorher nicht vorstellen, wie man einem Sehbehinderten ein Gemälde, das er nicht anfassen darf, näher bringen kann." Mit den Kommilitoninnen Stefanie Hepp und Luisa Rees und den Schülern fand er einen alternativen Zugang zur Jakobusstatue von Tilmann Riemenschneider; ein 3D-Mini-Modell.

    Jakobusstatue als 3D-Modell aus dem Uni-Drucker

    Museologiestudent Willi Gärtner mit der Jakobusminiatur, im Hintergrund ist der untere Teil des Originals zu sehen. (Foto: Markus Hauck, pow) "Wir mussten ganz grundsätzliche Fragen klären: 'Braucht ihr möglichst detaillierte Modelle oder eher weniger detaillierte?'", sagt Gärtner. Schüler Louis klärte auf: "Am Anfang ist es besser, weniger Details zu haben." So könne er sich Stück für Stück einen Gegenstand ertasten.

    Museologiestudent Willi Gärtner mit der Jakobusminiatur, im Hintergrund ist der untere Teil des Originals zu sehen. (Foto: Markus Hauck, pow)

    Hier kam das Rechenzentrum der Universität ins Spiel: Michael Tscherner und Bernhard Ludewig scannten die etwa zwei Meter große Statue, bearbeiteten die Daten und druckten mit dem 3D-Drucker verschiedene Kunststoff-Modelle aus: eines mit wenigen Details, dann eines in der vollen Detailtiefe und zudem noch einzelne Teilstücke, wie etwa nur den Kopf. Jeweils etwa 25 Zentimeter groß.

    "Diese Technik ist nicht allein für Sehbehinderte interessant", sagt Museumspädagogin Yvonne Lemke vom Dommuseum. Durch den Scan der Sandsteinskulptur, der auch als beliebig dreh- und skalierbares Modell am Computer angesehen werden kann, könne sich jeder den Details widmen. Im Fall der Jakobsstatue etwa den für Riemenschneider so typischen filigran gearbeiteten Locken der Figur.

    Technik zur Kunstvermittlung nutzen

    Kunstreferent Domkapitular Jürgen Lenssen dankt allen Projektbeteiligten. (Foto: Markus Hauck, pow)"Das Scannen dauert bei einer Figur dieser Größenordnung nur etwa fünf bis zehn Minuten, die Nachbearbeitung am PC nimmt etwa 45 Minuten in Anspruch", berichtete Tscherner. Am längsten dauere der bislang noch vom Drucker in der Größe beschränkte Druck: etwa fünf Stunden für die Jakobus-Miniatur.

    Kunstreferent Domkapitular Jürgen Lenssen dankt allen Projektbeteiligten. (Foto: Markus Hauck, pow)

    "Es war auch für uns ein sehr spannendes Projekt und gut, einmal aus der Uni herauszukommen und die Technik im Sinne der Kunstvermittlung anzuwenden", sagt Tscherner und hält dabei den Scanner in Größe eines Bügeleisens in der Hand. "Im Bereich 3D-Druck ist gerade unheimlich viel in Bewegung. Und wir vom Rechenzentrum der Uni versuchen natürlich, den Studierenden und Mitarbeitern die bestmögliche Ausrüstung zur Verfügung zu stellen."

    Der Jakobsweg als Museumsspiel

    Damit sich die Schüler noch auf weiteren Ebenen mit Jakobus auseinandersetzen können, haben die Studierenden neben dem Sandstein, aus dem Riemenschneider sein Werk schuf, noch andere Gesteinsarten zum Betasten zusammengetragen, außerdem verschiedene Muschelarten und unterschiedliche Lederstücke, die an den Pilgerbeutel am Gürtel verweisen. Und sie haben sich ein Spiel einfallen lassen: Auf einem Spielplan sind mit Schnüren verschiedene Jakobswege von Deutschland nach Santiago de Compostela dargestellt: der kürzeste Hauptweg mit einer dicken Schnur, die Nebenwege mit dünneren. Wer eine Frage aus dem Kartenstapel richtig beantwortet, darf auf dem Hauptweg ein Feld voranrücken, bei falschen Antworten muss die Spielfigur einen Umweg in Kauf nehmen.

    Videoprojekt mit CVJM, Tagung im April

    Marika Schleith, Lehrerin der Inklusionsklasse, zeigt sich von der Zusammenarbeit der verschiedenen Stellen begeistert: "Das war ein tolles Erlebnis, weil die Studenten im Gespräch die ganz unterschiedlichen Bedürfnisse der einzelnen Schüler kennengelernt haben. Was meinen Schülern auch gefallen hat, war, dass sie dabei sein durften, als die Jakobusfigur gescannt wurde."

    "Ich habe richtig viel Neues über Kunst erfahren“, berichtet Louis. "Und ich weiß jetzt, was eine Pieta ist: eine Darstellung der Muttergottes mit ihrem toten Sohn in den Armen", erzählt Maria.

    Unterstützt von Rene Hupp vom Christlichen Verein Junger Menschen (CVJM) Würzburg haben Studierende zudem einen Dokumentationsfilm über das Projekt erstellt. Dieser soll Teil des neuen "Youth City Guide Würzburg" werden und im Museum über so genannte QR-Codes für Smartphone-Nutzer zugänglich gemacht werden, später auch auf der Videoplattform Youtube.

    Die Tastfiguren, die Umrissfiguren und auch das Spiel verbleiben laut Doll-Gerstendörfer im Museum am Dom und werden bei der Tagung "Barrierefrei ist mehr als die Rampe am Eingang – Auf dem Weg zum inklusiven Museum" am 23. und 24. April vorgestellt. Die Projektleiterin hofft, dass nach und nach mehr Museen einen ähnlichen Weg einschlagen, denn "Inklusion bedeutet die Öffnung aller öffentlichen Bereiche, ohne Ausnahme."

    Kontakt

    Simone Doll-Gerstendörfer, Projektleiterin an der Uni Würzburg, Professur für Museologie T.: +49 (0)0931/31-85607, E-Mail: sekretariat-museologie@uni-wuerzburg.de

    Website des Museums

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