27.11.2013

"PROMI": Promovieren mit Behinderung


Professor Axel Winkelmann, Uni-Präsident Alfred Forchel, Bernhard Schneider, Sandra Ohlenforst (KIS/Uni Würzburg), Christina Stabel (ZAV), Bernd Mölter (Vertrauensperson), Professor Jürgen Tautz (v.l.). (Foto: Marco Bosch/Uni Würzburg)

Für schwerbehinderte Absolventen ist es oft schwierig, einen akademischen Karriereweg einzuschlagen. An der Uni Würzburg hilft hier nun das Projekt "PROMI - Promotion inklusive". Präsident Alfred Forchel begrüßte Bernhard Schneider, den ersten "PROMI".

Bernhard Schneider wird in den kommenden drei Jahren bei Professor Jürgen Tautz an der Weiterentwicklung der Online-Lernplattform "Hobos" (Honeybee Online Studies) arbeiten. "Mein Ziel ist es, die Abbrecher-Quote in Online-Lernplattformen zu minimieren", sagt Schneider über das Ziel seiner Arbeit. Schneider ist Wirtschaftsinformatiker und bringt genau das technische Wissen in das Team von Zoologe Tautz ein, das aktuell benötigt wird.

Uni Würzburg als Vorreiter in Bayern

Schneider ist Legastheniker und lebt mit einer Dyskalkulie, also Verständnisproblemen im arithmetischen Grundlagenbereich. Er ist somit schwerbehindert. Unterstützt wird der 32 Jahre alte Master-Absolvent in seinem Vorhaben neben Tautz auch von Professor Axel Winkelmann vom Lehrstuhl  für Betriebswirtschaftslehre und Wirtschaftsinformatik. "Der Bereich e-Learing spielt auch bei uns eine immer größere Rolle", sagt Winkelmann.

Das Themen Inklusion und Integration werden an der Uni Würzburg ebenfalls immer wichtiger. "Deswegen hat die Universitätsleitung dem Vorhaben auch sofort zugestimmt", sagt Präsident Alfred Forchel, der hofft, dass Schneiders "Weg in die Wissenschaft Nachahmer findet." Die Uni Würzburg ist die bislang einzige Universität in Bayern, die sich an dem bundesweiten Projekt beteiligt.

Rechtsanspruch auf Hilfsmittel

Im Rahmen von "PROMI-Promotion inklusive" richten 15 deutsche Unis von 2013 bis 2015 jährlich 15 sozialversicherungspflichtige Stellen für wissenschaftliche Mitarbeiter mit einer Behinderung ein. "Durch diese Art der Anstellung haben die Promovierenden auch einen Rechtsanspruch auf benötigte Hilfsmittel – ein wesentlicher Unterschied zu einem Stipendium", sagt Christina Stabel vom Arbeitgeberservice Schwerbehinderte Akademiker der ZAV (Zentrale Auslands- und Fachvermittlung) der Bundesagentur für Arbeit.

Das Projekt soll schwerbehinderten Akademikerinnen und Akademikern eine Promotion ermöglichen und somit ihre Chancen auf dem ersten Arbeitsmarkt erhöhen. 70 Prozent der Kosten übernehmen die Projektträger, der Rest liegt bei den Universitäten selbst. Im Fall von "Hobos" wird die Stelle sogar aus eigenen Projektmitteln realisiert. Weiterer Partner von "PROMI" ist das Unternehmensforum, das Projekt wird vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) gefördert.

Die Leitung von "PROMI" sowie die wissenschaftliche Begleitung und Evaluation liegen beim Lehrstuhl für Arbeit und berufliche Rehabilitation von Professor Mathilde Niehaus und dem Lehrstuhl für Pädagogik und Rehabilitation hörgeschädigter Menschen von Professor Thomas Kaul an der Universität zu Köln.

Trotz Behinderung ein "typischer Informatiker"

Was Bernhard Schneider in seiner Arbeit am konkreten Bienen-Projekt erforscht, soll sich später auch auf andere Bereiche des e-Learning  übertragen lassen. "Sie haben die Fähigkeiten, ihre Arbeit in diesem Feld hervorragend abzuschließen. Da bin ich mir sicher", sagt Winkelmann, der Schneider trotz seiner Einschränkungen für einen "tyischen Informatiker" hält.

Vom äußerlichen Erscheinungsbild wird Schneider dem Klischee des Informatikers mit seinen langen, zu einem Zopf gebunden Haaren ebenfalls  gerecht. Fachlich ist er mindestens so gut wie nicht-behinderte Absolventen. "Bei der Bewerberauswahl werden die ganz normalen Maßstäbe angelegt", sagt Sandra Ohlenforst von der Kontakt- und Informationsstelle für Studierende mit Behinderung und chronischer Erkrankung (KIS) an der Uni Würzburg. Sie hat "PROMI" an die Uni Würzburg gebracht.

Hilfe beim E-Mailverkehr und der Doktorarbeit

Hilfe braucht Schneider zum Beispiel beim Schreiben und Lesen von E-Mails und dem Verfassen seiner voraussichtlich mehrere hundert Seiten starken Doktorarbeit. "Salopp gesagt: Ich habe eine katastrophale Orthografie", sagt Scheider. Aber dafür hat er einen Computer mit spezieller Spracherkennungssoftware.

Tautz und Winkelmann sind als Doktorväter in der Betreuung dennoch stärker gefordert als bei anderen Promotionen. "Aber wir haben das bewusst gemacht", sagt Zoologe Tautz. Er ist sehr zufrieden mit Schneiders Arbeitsergebnissen der ersten knapp zwei  Monate: "Er ist sehr fleißig und immer zu erreichen - das kenne ich aus meiner mehr als zwanzigjährigen Tätigkeit auch anders". Ein Defizit will auch Tautz bei seinem Schüler nicht sehen, eher im Gegenteil: "In der Natur sieht man es an verschiedenen Beispielen, zusammengefasst in der Handicap-Theorie: Durch eine Überkompensation einer anderen Fähigkeit wird ein Handicap oft überwunden."

 

Kontakt:

Sandra Ohlenforst, KIS (Kontakt- und Informationsstelle für Studierende mit Behinderung und chronischer Erkrankung), T.: +49(0)931 31-84052, kis@uni-wuerzburg.de

Von: Marco Bosch

27.11.2013, 12:15 Uhr