Kinder in Bewegung bringen


Professor Helge Hebestreit und Dr. Kristina Roth von der Kinderklinik der Uni Würzburg zeigen einige der Karten, auf denen Bewegungsspiele für Kindergartenkinder beschrieben sind. Foto: Robert Emmerich

Professor Helge Hebestreit und Dr. Kristina Roth von der Kinderklinik der Uni Würzburg zeigen einige der Karten, auf denen Bewegungsspiele für Kindergartenkinder beschrieben sind. Foto: Robert Emmerich

Computer, TV & Co. sorgen dafür, dass sich viele Kinder kaum bewegen – mit negativen Folgen für die Gesundheit. Um mehr Aktivität in den Alltag von Kindergartenkindern zu bringen, hat ein Team von der Kinderklinik der Uni Würzburg ein Bewegungsprogramm entwickelt. Die Ergebnisse sind ermutigend.

„Das Programm ist in allen Kindergärten umsetzbar, egal wie sie ausgestattet sind“, sagt Projektleiter Professor Helge Hebestreit. „Die Erzieherinnen bewerten es sehr positiv, die Kinder lieben es, die Eltern loben es.“ Ihre Kinder seien ausgeglichener, körperlich aktiver und konzentrierter als davor, so die Beobachtung der Eltern. Hebestreit ergänzt: „Ganz deutlich verbessert das Programm vor allem die körperliche Koordinationsfähigkeit.“

41 Kindergärten aus den Stadtgebieten und den Landkreisen Würzburg und Kitzingen machten bei der Studie mit. Insgesamt waren 726 Kinder (356 Mädchen und 370 Jungen) im Alter von drei bis fünf Jahren eingebunden. Das Projekt ist laut Hebestreit bundesweit bislang einzigartig. Finanziell wurde es vom Bundesforschungsministerium mit 280.000 Euro gefördert, die Gmünder Ersatz-Kasse unterstützte es ebenfalls.

Ablauf des Würzburger Bewegungsprogramms

Wie das Programm aussieht? Ein Jahr lang absolvierten die Erzieherinnen täglich eine 30-minütige Bewegungseinheit mit den Kindern. Nicht um „harten“ Sport ging es dabei, sondern um Spaß an Bewegung. Zu diesem Zweck haben die Würzburger Wissenschaftler eine Spielesammlung entwickelt, mit deren Hilfe sich Koordination, Kraft und andere körperliche Fähigkeiten fördern lassen.

Neben der halben Stunde Sport am Tag bekamen die Kinder Bewegungs-Hausaufgaben: Spiele, bei denen die ganze Familie einbezogen wird, aber auch welche, die sich alleine spielen lassen. Eines davon ist das Briefhüpfen: Mit Kreide werden mehrere miteinander verbundene Rechtecke auf dem Boden markiert. Die Kinder hüpfen dann nach vorgegebenen Regeln durch dieses Muster, und das auch schon mal auf nur einem Bein.

Damit die Mütter und Väter das Programm unterstützten, hatten Hebestreit und sein Team zudem Info-Abende organisiert, Flyer verteilt und die Eltern mit Briefen informiert.

Eindeutig positive Ergebnisse nach einem Jahr

Der Aufwand hat sich gelohnt: Nach einem Jahr Bewegungsprogramm stellten die Forscher bei den Kindern viele Verbesserungen fest. Statistisch signifikant waren die Fortschritte der Kleinen in Sachen Sprungkraft, Sprungkoordination und Gleichgewicht, und das auch noch drei Monate nach Beendigung des Programms.

Vor dem Start des Sportprogramms hatten die Wissenschaftler gesundheitsbezogene Daten von den Kindern erhoben. Dazu gehörten unter anderem Größe, Gewicht, Blutdruck und die Dicke der Hautfalte am Oberarm als Indiz für den Anteil von Körperfett. Außerdem gab es motorische Untersuchungen, mit denen Sprungkraft, Beweglichkeit und Koordination getestet wurden.

Ob ihr Programm dickere Kinder schlanker gemacht hat, können die Forscher nicht hieb- und stichfest untermauern. „Wir hatten generell sehr schlanke Kinder in der Studie“, sagt Projektkoordinatorin Dr. Kristina Roth: Nur sechs Prozent seien übergewichtig oder fettleibig gewesen; der Bundesdurchschnitt liegt bei zehn Prozent. Die Hautfalte am Oberarm als Maß für die Menge von Unterhautfettgewebe sei allerdings bei allen bewegungsaktiven Kindern im Lauf des Jahres dünner geworden.

Warum überhaupt ein Bewegungsprogramm?

Bei Schulanfängern seien in den vergangenen Jahren verstärkt Haltungs- und Organleistungsschwächen, Koordinationsstörungen und eine nicht altersgemäße motorische Entwicklung festgestellt worden, sagt Helge Hebestreit. Auch Übergewicht, zu hoher Blutdruck und ungünstige Blutfettwerte würden sich häufen, und das schon bei Kindern im Kindergartenalter. All diese Erscheinungen seien zumindest teilweise auf eine zu geringe körperliche Aktivität zurückzuführen.

Für das Bewegungsprogramm wurden Kindergartenkinder ausgesucht, weil das Verhalten in dieser Altersgruppe erzieherisch noch leichter zu beeinflussen sei. „Außerdem gibt es für Kindergartenkinder noch kaum Untersuchungen zu den vorbeugenden Effekten von Bewegungsprogrammen“, so der Professor.

So geht es weiter mit dem Projekt

Mehr Bewegung für Kindergartenkinder: Das Programm ist etabliert, alle Beteiligten sind davon begeistert, es hat eindeutig positive Effekte. Wie geht es nun weiter?

„Ein großer Wunsch von uns wäre es, dass das Programm künftig in die Ausbildung von Erzieherinnen einfließt“, sagt Helge Hebestreit. Der Professor denkt außerdem daran, ein Nachfolgeprogramm für Grundschulen zu etablieren. Denn er ist davon überzeugt, dass es auch dort Verbesserungsmöglichkeiten in Sachen Sport und Bewegung gibt.

Info-Abend in der Kinderklinik am 1. April

Vorerst aber soll das Programm noch bekannter werden, in weitere Kindergärten Eingang finden. Dazu gibt es am Mittwoch, 1. April, um 17 Uhr eine Veranstaltung im Hörsaal der Kinderklinik: Dort werden die Kindergärten, die an der Studie teilgenommen haben, mit den nötigen Materialien ausgestattet, um das Bewegungsprogramm weiterhin anbieten zu können.

Weitere interessierte Kindergärten sind willkommen, sollen sich aber bei Dr. Kristina Roth anmelden, roth_k1@kinderklinik.uni-wuerzburg.de, Telefon (0931) 201-27101.

Weitere Informationen zur Studie

Von: Robert Emmerich

23.03.2009, 09:16 Uhr