10.09.2015

Inklusion im Arbeitsleben kann gelingen


Mann mit Heckenschere bei der Gartenarbeit. (Bild: Tomasz Zajda / Fotolia.com)

Gartenbaubetriebe gehören zu den Unternehmen, in denen Menschen mit geistiger Behinderung arbeiten können. (Bild: Tomasz Zajda / Fotolia.com)

Manche Menschen mit geistiger Behinderung streben eine Beschäftigung auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt an. Sind sie einmal in ein Arbeitsverhältnis vermittelt, kommen sie dort in der Regel sehr gut zurecht. Das zeigt eine neue Studie, die am Donnerstag, 17. September, öffentlich präsentiert wird.

Sie sind Hilfskräfte auf dem Bau oder in Gärtnereien, sie assistieren bei der Pflege alter Menschen, sie arbeiten im Einzelhandel oder im Verkauf: Auch Menschen mit geistiger Behinderung streben eine Beschäftigung auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt an, wenn sie die Förder- oder Inklusionsschulen verlassen. Unterstützt werden sie bei diesem Schritt von den Integrationsfachdiensten, die auch den Arbeitgebern als Berater zur Seite stehen.

Was aber passiert nach einem gelungenen Einstieg in den Beruf? „Teilweise wird befürchtet, dass die Beschäftigungsverhältnisse dann nicht mehr lange Bestand haben oder dass die Personen sozial isoliert werden“, sagt Erhard Fischer, Professor für Pädagogik bei geistiger Behinderung an der Universität Würzburg. Diese Befürchtung bewahrheitet sich häufig aber nicht, wie ein dreijähriges Forschungsprojekt des Professors ergeben hat. Federführend bei den Untersuchungen und ihrer Auswertung waren Fischers Mitarbeiterinnen Tina Molnár-Gebert und Dr. Christina Kießling.

Stabile Arbeitsverhältnisse sind die Regel

„Die Arbeitsverhältnisse sind in der Regel sehr stabil, wenn das Anforderungsprofil der Stelle zum Leistungsvermögen des Beschäftigten passt“, sagt Tina Molnár-Gebert. Ein halbes Jahr nach der Vermittlung über die bayerische Fördermaßnahme „Übergang Förderschule-Beruf“ seien mehr als 80 Prozent der Arbeitnehmer noch auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt. Und oft dauere die Stabilität noch länger. Eine Befragung von 107 Betroffenen aus Bayern, Baden-Württemberg, Hessen und Thüringen zeigte, dass ein Drittel davon schon länger als fünf Jahre auf derselben Arbeitsstelle ist.

Das sind beeindruckende Zahlen – „besonders wenn man bedenkt, dass noch vor wenigen Jahren die Überzeugung vorherrschte, Menschen mit geistiger Behinderung könnten nur in der geschützten Umgebung spezieller Werkstätten arbeiten“, so Professor Fischer.

Beschäftigte sind am Arbeitsplatz zufrieden

Wie die Betroffenen selbst ihre Situation einschätzen? Das haben die Würzburger Sonderpädagogen ebenfalls mit Fragebögen und Interviews ergründet. „Die Leute empfinden ihre Lebenssituation überwiegend als gut“, fasst Christina Kießling zusammen. „Sie fühlen sich an der Arbeitsstelle als gleichberechtigte Kollegen akzeptiert und sind zum Teil sehr stolz auf ihre Leistungsfähigkeit.“

Dazu komme eine hohe Motivation, die sich zum Beispiel am sehr niedrigen Krankenstand zeigt und an der Bereitschaft, für Kollegen einzuspringen. Sie zeigt sich auch an Geschichten wie dieser: „Ein Mann hat uns erzählt, wie an einem Morgen der Zug zu seiner Arbeit nicht fuhr. Er machte sich zu Fuß auf den mehrere Kilometer langen Weg, weil er unbedingt zur Arbeit wollte. Zum Glück wurde er unterwegs von einem Kollegen entdeckt, der ihn dann im Auto mitnahm.“

Ergebnisse werden bei einer Tagung präsentiert

Diese und viele weitere Resultate des Forschungsprojekts MEGBAA (Menschen mit geistiger Behinderung auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt) werden am Donnerstag, 17. September 2015, bei einer Tagung öffentlich vorgestellt. Die Vorträge und Workshops laufen von 10 bis 17 Uhr im Hörsaal 2 des Unigebäudes am Wittelsbacherplatz.

Die Sonderpädagogik erwartet rund 200 Teilnehmer aus ganz Deutschland. Dazu gehören Lehrkräfte, Mitarbeiter von Integrationsfachdiensten und andere Berufspraktiker sowie Wissenschaftler und Studierende. Die Tagung steht Interessierten offen. Wer kommen möchte, soll sich auf der Webseite der Veranstaltung anmelden.

Opens external link in new windowZur Homepage der MEGBAA-Tagung

Fazit des Forschungsteams

In Deutschland bekommt die Inklusion einen immer höheren Stellenwert, Kinder mit und ohne Behinderungen werden zunehmend gemeinsam in Regelschulen unterrichtet. „Nicht jeder junge Mensch mit geistiger Behinderung, der eine inklusive Schullaufbahn hinter sich hat, wird danach in einer Werkstatt für Behinderte arbeiten wollen, sondern auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt“, ist sich das Team aus der Sonderpädagogik sicher. Dass dieses Ziel erreichbar ist, zeigt die Studie ganz klar. Insofern sind die Ergebnisse sehr ermutigend – für die Schulabgänger ebenso wie für ihre Familien und für potenzielle Arbeitgeber.

Förderer und Publikationen zum Projekt

Finanziell gefördert wurde das Forschungsprojekt MEGBAA vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales sowie vom bayerischen Sozialministerium.

Die Ergebnisse werden voraussichtlich 2016 als Buch veröffentlicht. Einige Resultate sind schon publiziert, Hinweise darauf findet man Opens external link in new windowauf der Homepage des Projekts

Kontakt

Prof. Dr. Erhard Fischer, Lehrstuhl für Sonderpädagogik IV – Pädagogik bei Geistiger Behinderung, Universität Würzburg, T (0931) 31-86824, Opens window for sending emailerhard.fischer@uni-wuerzburg.de

Von: Robert Emmerich

10.09.2015, 10:00 Uhr