Pressemitteilung Nr. 059/2005
21. September 2005


Patientinnenenfreundliches System der kurzen Wege


Frauenklinik der Uni feiert ihren 200. Geburtstag


Jedes Jahr 1.350 Geburten, 5.000 stationäre Aufnahmen und 15.000 ambulante Patientinnen. Diese Zahlen legt die Frauenklinik der Uni Würzburg zu ihrem 200. Jubiläum vor. Mit einem "Entbindungshaus" in der Oberen Wallgasse, heute Klinikstraße, begann die Geschichte der Klinik im Jahr 1805. Seitdem hat sie sich zu einem großen Zentrum für Frauenheilkunde und Geburtshilfe in Nordbayern entwickelt.

"Das Geheimnis unseres guten Rufs liegt auch darin begründet, dass wir unter unserem Dach eng mit der Kinderklinik, der Klinik für Strahlentherapie und dem Institut für Röntgendiagnostik im Rahmen der Brustdiagnostik zusammenarbeiten", sagt Klinikdirektor Professor Johannes Dietl. Dieses patientinnenfreundliche System der kurzen Wege habe sich seit Jahren bewährt.

Ein besonders gutes Beispiel dafür ist das 1999 eingerichtete Mutter-Kind-Zentrum: Kreißsaal, Neugeborenenstation und Wochenbettstationen liegen eng benachbart auf einer Ebene. Die Verzahnung mit der Kinderklinik zeigt sich auch dann, wenn ein Baby vor der Zeit auf die Welt kommt. Frühchen und Eltern werden direkt vor Ort durch Kinderärzte umsorgt. In einer eigenen Kinderwunsch-Sprechstunde werden außerdem Fälle von ungewollter Kinderlosigkeit geklärt.

Für Unterfranken stellt die Frauenklinik ein Zentrum zur Behandlung von Brusterkrankungen dar. Darüber hinaus ist sie neben München der einzige Standort in Bayern, der an dem bundesweiten Verbundprojekt "Familiärer Brust- und Eierstockkrebs" beteiligt ist. Über 300 Frauen mit Brustkrebs werden hier jedes Jahr behandelt.

War die Klinik früher eher strahlentherapeutisch ausgerichtet, so steht nun die operative Tätigkeit im Vordergrund. Dietl: "Bei Tumoren im Unterleib kann heute durch die Kombination endoskopischer und herkömmlicher Verfahren ein Bauchschnitt oft vermieden werden, so dass die Patientinnen wieder früh auf die Beine kommen." Bei bösartigen Geschwülsten müsse aber so gründlich wie möglich vorgegangen werden, um alle Tumorreste zu entfernen. Hier arbeite man eng mit den Kollegen aus der Chirurgischen Klinik zusammen.

Manche Krebsleiden lassen sich nur durch Bestrahlung behandeln. Hierbei bietet die Frauenklinik den Vorteil, dass sich in ihrem Untergeschoss eine Zweigstelle der Klinik für Strahlentherapie befindet - das Prinzip der kurzen Wege ist auch hier verwirklicht. Viele bösartige Erkrankungen lassen sich durch eine Chemotherapie in Schach halten oder sogar heilen. Diese Behandlungsform wird zum großen Teil in der Chemo-Ambulanz der Klinik durchgeführt.

Frauen mit fortgeschrittenen Tumorleiden haben oft starke Schmerzen. Ihnen hilft die Schmerzambulanz weiter, die von erfahrenen Anästhesisten in der Frauenklinik geleitet wird. Dort können die betreuenden Ärzte oft zusätzlichen Rat holen, um die Schmerzen ihrer Patientinnen zu lindern.

Auf dem Gebiet der frauentypischen Krebserkrankungen liegt ein Forschungsschwerpunkt der Frauenklinik. Besonders intensiv werden dort zudem die immunologischen Vorgänge in der Schwangerschaft untersucht. Dabei erforschen Wissenschaftler die Beziehung zwischen Mutter, Kind und Plazenta auf zellulärer Ebene.

Zum 200. Geburtstag wirft Klinikchef Dietl auch einen Blick in die Zukunft. In seinem Haus herrscht zum einen Vorfreude auf den neuen Operationstrakt im Nordflügel, der voraussichtlich im Frühjahr 2006 in Betrieb geht. Doch das ist nicht Alles: Im Stockwerk darunter entstehen Laboratorien für die Forschung. Neue Räume für den Studentenunterricht werden beim Hörsaal geschaffen.

Außerdem erhält die Frauenklinik eine neu renovierte Abteilung für die radiologische Brustdiagnostik, in erster Linie für die Mammographie. All diese Neuerungen gehören zu einer Großen Baumaßnahme, die seit 1998 läuft. Die Kosten von rund 17 Millionen Euro tragen Bund und Freistaat Bayern je zur Hälfte.

Zum Jubiläum gibt Dietl eine Festschrift heraus. Hierfür hat er die Geschichte der Klinik gut aufbereitet - und dabei auch die Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft nicht ausgespart: "200 Jahre Universitäts-Frauenklinik und Hebammenschule Würzburg", Vogel-Verlag, Würzburg 2005, 114 Seiten, 5 Euro, ISBN 3-00-017157-6
http://www.frauenklinik.uni-wuerzburg.de/


200 Jahre Frauenklinik: Das
Festprogramm


Der 200. Geburtstag der Frauenklinik wird ein Wochenende lang gefeiert. Das Jubiläum startet mit einem Festakt am Freitag, 23. September, ab 17.00 Uhr in der Neubaukirche. Nach diversen Grußworten spricht der Würzburger Medizinhistoriker Michael Stolberg zum Thema "200 Jahre Universitäts-Frauenklinik und Hebammenschule Würzburg".

Den anschließenden Festvortrag über "Das Leiden Unschuldiger als Protest gegen Gott. Spiegelungen bei Dostojewski, Joseph Roth und Albert Camus" hält Karl-Josef Kuschel, Professor an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Uni Tübingen. Kuschel bearbeitet das Grenzgebiet Literatur/Theologie und befasst sich in seinem Vortrag mit den drei Urfragen, die auch im Alltag der Frauenklinik immer wieder gestellt werden: Warum gerade ich? Warum gerade jetzt? Warum gerade so? Anhand der drei großen Figuren der europäischen Literatur will er diese Fragen zu den Krankheiten und der Sinnsuche vertiefen.

Am Samstag folgt ein ganztägiges wissenschaftliches Symposium im Hörsaal der Frauenklinik. Dabei soll eine Bestandsaufnahme für die Fächer Frauenheilkunde und Geburtshilfe vorgenommen werden.

Öffentlich findet dann eine Vortragsveranstaltung am Sonntag, 25. September, von 9.30 bis 13.00 Uhr statt, ebenfalls im Hörsaal. Thema ist die Frauenklinik zur Zeit der Nazi-Herrschaft. Die Referate: Frauenheilkunde im Nationalsozialismus (Manfred Stauber, München) - Frauenheilkunde in schwieriger Zeit: Die Frauenklinik der Uni von 1934 bis 1945 (Johannes Dietl, Würzburg) - Einzelschicksale aus Würzburg (Roland Flade, Würzburg) - Die Hebammen im Dritten Reich (Edith Kroth, Würzburg).

Zur historischen Entwicklung der Frauenklinik

Von der ledernen Puppe ans Kreißbett


Zum 200. Jubiläum der Frauenklinik gibt deren Direktor Johannes Dietl eine Festschrift heraus. Hierfür hat er die Geschichte der Klinik gut aufbereitet - und dabei auch die Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft nicht ausgespart. Hier einige historische Eckpunkte.

Die Geschichte der Geburtshilfe ist in Würzburg schon über 500 Jahre alt. Bereits um 1500 wurde hier ein Hebammenbüchlein veröffentlicht. 1555 waren fünf Stadthebammen verpflichtet, die von der Kirche unterrichtet wurden - vor allen Dingen über die Nottaufe. 1739 beauftragte dann der Fürstbischof den Oberwundarzt des Juliusspitals, G. Christoph Stang, mit dem Unterricht der Geburtshelferinnen. Stang übernahm die Theorie, für den Praxisteil waren die examinierten Stadthebammen zuständig.

Die Geburtshilfe als Lehrfach für Medizinstudenten ist in Würzburg mit dem Namen von Stangs Schwiegersohn Karl Kaspar von Siebold verbunden. Der Professor für Anatomie, Chirurgie und Geburtshilfe legte Wert darauf, seine Schüler nicht nur "an einer ledernen Puppe", sondern auch am Kreißbett zu unterrichten. 1791 gründete er mit seinem Sohn Johann Georg Christoph im "Freyhaus" der Stadt am Inneren Graben 18 eine Entbindungsanstalt, in der auch Hebammen und Studenten unterrichtet wurden.

Siebolds jüngerer Sohn Adam Elias, der 1799 zum Stadt- und Landhebammenmeister ernannt wurde und später Professor für Medizin und Geburtshilfe war, eröffnete dann 1805 im ehemaligen "Epileptikerhaus" des Juliusspitals in der Klinikgasse 6 eine neue Entbindungsklinik. Die erste Patientin dort war Eva Fleischmann aus Karlstadt. Sie wurde am 28. September 1805 aufgenommen und am 28. Oktober von einem Mädchen entbunden.

Aufstieg unter Scanzoni

1850 übernahm der 29-jährige Friedrich Wilhelm Scanzoni aus Prag die Würzburger Entbindungsklinik und leitete sie fast 40 Jahre lang. In dieser Zeit erfuhren sowohl der geburtshilflich-gynäkologische Lehrstuhl als auch die Medizinische Fakultät und die Universität einen gewaltigen Aufstieg.

Scanzoni erreichte die Genehmigung für einen Klinikneubau. Der Umzug in diese "Kreisentbindungsanstalt" mit 90 Betten fand 1857 statt. Die "Anstalt" beherbergte erstmals Geburtshilfe und Gynäkologie unter einem Dach. An ihrer Stelle befindet sich heute die Medizinische Klinik II (Klinikgasse 8).

1888 übernahm Max Hofmeier, von Gießen kommend, die Klinik. Sie wurde renoviert, bekam Hörsaal sowie Operationsräume und ging in das Eigentum der Universität über. Als "Universitäts-Frauenklinik" wurde sie am 1. Juli 1890 eröffnet. 1901 verfügte die Klinik über 138 Betten - einschließlich 16 Betten für "Hausschwangere", die dem Unterricht der Studenten und Hebammenschülerinnen dienten, und 45 für Hebammenschülerinnen.

Neubau in Grombühl

1911 führte Hofmeier die Strahlentherapie ein. Weil das die Patientinnenzahl weiter steigen ließ, entschloss er sich zur Planung eines Neubaus. Doch als sein Nachfolger Carl Joseph Gauß, Urenkel des Mathematikers Carl Friedrich Gauß, 1923 die Klinik übernahm, war in der wirtschaftlich schwierigen Zeit an einen Neubau vorerst nicht zu denken.

Erst 1932 wurde - als Festgabe der Staatsregierung zum 350. Jubiläum der Uni - die Baugenehmigung für eine neue Frauenklinik im Stadtteil Grombühl erteilt, also am heutigen Standort. Im November 1934 wurde der Betrieb aufgenommen. Charakteristisch für das Haus ist der siebenstöckige, weithin sichtbare Turm. Ursprünglich wurde er für eine kontinuierliche Wasserversorgung der Klinik gebaut: In seinem obersten Geschoss waren Warm- und Kaltwasserbehälter untergebracht.

Die Klinik bot damals Raum für 280 Personen ("125 allgemeine Kranke und Wöchnerinnen, 31 Privatkranke, 35 Hausschwangere, 46 Schwestern, 26 andere Dienstpersonen, 17 Ärzte und Studierende"). Gauß setzte seine Schwerpunkte in der Geburtshilfe und der Strahlentherapie. Er entwickelte verschiedene Narkoseverfahren weiter, die besonders der Schmerzerleichterung bei der Geburt dienten. Die Anzahl der Entbindungen nahm von rund 1.000 anno 1934 auf über 1.500 im Jahr 1939 zu.

Die Frauenklinik unter den Nazis

"Die Zeit der Naziherrschaft war für die Frauenklinik eine moralische Katastrophe", so Dietl. Mit dem "Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" vom 1. Januar 1934 war die Grundlage dafür geschaffen, dass "minderwertige" Menschen, die angeblich an Erbkrankheiten litten, auch gegen ihren Willen sterilisiert werden konnten. Eine Erweiterungsbestimmung sah vor, dass bei schwangeren Frauen, die sterilisiert werden sollten, vor dem sechsten Monat und bei Ungefährlichkeit für das Leben der Mutter auch ein Schwangerschaftsabbruch erlaubt war.

Im Rahmen dieses Gesetzes wurden bis 1945 an allen Universitäts-Frauenkliniken, größeren Krankenhäusern und Röntgeninstituten des Deutschen Reiches schätzungsweise 400.000 Menschen sterilisiert. An der I. Universitäts-Frauenklinik München etwa wurden insgesamt 1.318 Frauen zwangssterilisiert, in Freiburg 906, in Erlangen 512. An der Würzburger Frauenklinik waren es 994 Frauen: 883 Mal wurden die Eileiter operativ unterbrochen, bei 29 Frauen kam es simultan zur Zwangsabtreibung mittels Kaiserschnitt. 111 Betroffene wurden durch Bestrahlung (Röntgen oder Radium) kastriert.

Ein weiteres dunkles Kapitel: Abtreibungen bei Ostarbeiterinnen. Diese Schwangerschaftsabbrüche wurden in allen Universitäts-Frauenkliniken und größeren Krankenhäusern Deutschlands durchgeführt und hatten einen rein rassischen Hintergrund. Ostarbeiterinnen waren als "Untermenschen" eingestuft, Himmler sprach 1943 gar von "Menschentieren". In der Würzburger Frauenklinik wurden zwischen 1943 und 1945 insgesamt 148 Schwangerschaftsabbrüche bei Ostarbeiterinnen vorgenommen. Die Frauen befanden sich im dritten bis siebten Monat.

Unmittelbar nach Kriegsende entließ die Militärregierung Gauß aus seinem Dienst. Von der Spruchkammer Bad Kissingen wurde er 1946 als "Mitläufer nach Artikel 12" eingestuft und mit einer Geldbuße von 2.000 Reichsmark belegt. Außerdem musste er die Prozesskosten von 7.500 Reichsmark begleichen. Gauß übernahm eine Frauenarztpraxis und später die gynäkologische Abteilung des St. Elisabethkrankenhauses in Bad Kissingen. Er starb 1957.

Wiederaufbau und Baby-Boom

Der Großangriff auf Würzburg am 16. März 1945 zerstörte auch Teile der Frauenklinik. Weil die Kernbereiche intakt blieben, konnte der Klinikbetrieb bald fortgesetzt werden - so ist zum Beispiel die Geburt von Würzburgs Bürgermeister Adolf Bauer vom 26. Mai 1945 im Geburtsprotokoll des Kreißsaals dokumentiert.

Die Schäden am Gebäude waren erst 1957 komplett beseitigt. Mit dem Wiederaufbau der Frauenklinik ist untrennbar der Name Karl Johann Burger verbunden. Er übernahm als völlig unbelastete Persönlichkeit 1947 den Lehrstuhl für Geburtshilfe und Gynäkologie in Würzburg. Burger kam aus Ungarn, wo er zuletzt den Lehrstuhl II für Frauenheilkunde der Universität Budapest innehatte.

Anfang der 60er-Jahre kam es zu einem enormen allgemeinen Geburtenanstieg, den auch die Frauenklinik unter der Leitung von Horst Schwalm zu verkraften hatte. 1962 erreichte die Geburtenzahl knapp 2.000 - den höchsten Stand in der Geschichte der Klinik. Darum wurde 1963 der Ostflügel um ein Stockwerk erhöht und die Klinik mit je 18 Betten für Wöchnerinnen und Schwangere erweitert.

1973 übergab Schwalm die Klinik an Karl-Heinrich Wulf. Der OP-Trakt wurde renoviert, neue Laboratorien entstanden. Wegen des allgemeinen Rückgangs der Geburten wurde die Wöchnerinnenstation im Ostflügel 1983 in eine Krebsstation umgewidmet. Im Rahmen des brusterhaltenden Konzepts bei der Krebstherapie, das eine postoperative Bestrahlung vorsieht, wurde 1985 die Strahlentherapie ausgebaut. 1996 übergab Wulf dann nach 23 Dienstjahren die Klinik an Dietl.

Johannes Dietl (Hrsg.): "200 Jahre Universitäts-Frauenklinik und Hebammenschule Würzburg", Vogel-Verlag, Würzburg 2005, 114 Seiten, 5 Euro Schutzgebühr.

Anfragen an:   presse@zv.uni-wuerzburg.de

Zurück zur Übersicht

Universität Würzburg     Sanderring 2     97070 Würzburg     Tel. 0931/31-0