Pressemitteilung Nr. 055/2004
23. Juli 2004


Uni-Präsident Axel Haase: Düstere Aussichten für den anrollenden Studierendenberg bis 2012


Müssen die Hochschulen ihre Pforten schließen?


Die Universität Würzburg wird im Zuge der von der bayerischen Staatsregierung geforderten Sparmaßnahmen nach heutigem Stand in der Fakultät für Geowissenschaften die Institute für Geologie, Paläontologie sowie Mineralogie und Kristallstrukturlehre auflösen. Eingestellt werden zudem - mit Ausnahme des Lehramtsstudiengangs Russisch, des Bakkalaureusstudiengangs Russische Sprache und Kultur sowie des Studienelements Russicum - die Studiengänge der Slavischen Philologie. Die Studierenden in den zur Schließung vorgesehen Studienfächern sollen ihr Studium in Würzburg "im Rahmen der Regelstudienzeit" abschließen können.

Zudem wird es einen Stellenabbau, zahlenmäßig im Bereich von einer bis vier Stellen in fast allen - mit Ausnahme der Wirtschaftswissenschaftlichen und der Katholisch-Theologischen - Fakultäten geben. Dies ist teilweise verbunden mit der Aufforderung, fakultätsinterne Konzept vorzubereiten, wie beispielsweise in der Fakultät Mathematik und Informatik für die Zusammenlegung der Institute für Mathematik und Angewandte Mathematik und Statistik. Die Ergebnisse einer fast dreivierteljährigen universitätsinternen Datenerhebung, Diskussion, Gremienberatung und letztlich Beschlussfassung durch den Senat der Unversität legte jetzt Präsident Prof. Dr. Axel Haase zusammen mit Kanzler Bruno Forster der Öffentlichkeit vor.

Deutlich wurde dabei auch, dass der Prozess der strukturellen Veränderung an der Universität Würzburg, insbesondere auch im Zusammenhang mit der Zukunft anderer bayerischer Universitäten, erst am Anfang steht. Bei allen Sparmaßnahmen ist für die Hochschulleitung die Aufrechterhaltung des breiten Fächerangebots - eine der Stärken der Alma Mater - in Würzburg unabdingbar. Dies wurde in Haases Hinweis besonders deutlich, dass bei allen Diskussionen um die Schließung von Studiengängen immer die Frage im Hintergrund gestanden haben, "welche Auswirkungen hat dies auf andere Fächer und damit auf die Studierendenzahlen der Universität". So gesehen ist fast zwangsläufig ein Resultat der Einsparungen der Fortbestand der gesamten - in Bayern einmaligen - Breite der Lehrerausbildung in Würzburg, zu der konsequenterweise die entsprechenden Fachausbildungen in den geistes- oder naturwissenschaftlichen Fächern gehören: "Mit mir sind Einsparungen, die uns mit einem Schlag 4.000 Studierende kosten können, nicht machbar", sagte der Präsident.

In seinen Ausführungen ging Prof. Haase auf eine "zwingende Konsequenz" des Umbaus von den klassischen Studiengängen mit Diplom-, Magisterabschluss und Staatsexamen hin zu den neuen Studiengängen Bachelor/Master ein, der auch zu strukturellen Veränderungen in Form von Konzentrationen führen werde: "Diese Studiengänge können nur funktionieren, wenn dafür mindestens drei bis vier Lehrstühle vorhanden sind, was bedeutet, dass das eine oder andere kleine Fach diese Studiengänge nicht realisieren kann". Solche Fächer könnten aber in "größeren Einheiten Module anbieten." Dies könnte beispielsweise auf die erst in allerjüngster Vergangenheit geschaffenen Lehrstühle Indologie und Japanologie zutreffen, weil sich die "Universität nicht in der Lage sieht, diese personell stärker auszustatten".

Der Würzburger Uni-Präsident steht im wesentlichen "absolut hinter Konzentrationsprozessen"an den Universitäten in Bayern, die auch jetzt bereits auf "fachlicher Ebene" und nicht von den "Hochschulleitungen betrieben werden". Ein Beispiel für Würzburg sind Verhandlungen mit der Universität Erlangen-Nürnberg mit dem Ziel der Errichtung eines Zentrums für Musikwissenschaft in Würzburg. Existiert doch hier neben dem Institut für Musikwissenschaft der Universität auch die Musikhochschule, womit, so Haase, der Standort Würzburg für ein nordbayerisches Zentrum für Musikwissenschaft sicherlich unter Einbindung der Erlanger Musikwissenschaft vorstellbar wäre. Ausführliche Gespräche auf fachlicher Ebene hätte es mit allen Beteiligten bereits gegeben.

Im übrigen sei die Universität Würzburg mit der Gründung von "Wissenschaftlichen Zentren bevor die aktuellen Sparmaßnahmen eingeleitet wurden", sehr gut gefahren." Haase verwies dabei auf das Zentrum für Altertumswissenschaften, in dem Lehrstühle und Institute verschiedener Fakultäten zusammenarbeiten, ebenso wie auf das Zentrum für Geschichtswissenschaften. Andererseits könnte es in Erlangen beispielsweise zu einer Konzentration im Bereich der Geologie kommen zusammen mit der Würzburger Geologie. Auch darüber gebe es bereits Gespräche.

Ausführlich ging der Würzburger Präsident auf die in den letzten Wochen zunehmend diskutierte Frage ein, dass es in den Fächern Physik, Chemie und Biologie bundesweit "riesige Ressourcen" gebe an Bauten, Geräten und Personal. Verglichen damit, kämen aber aus den Studiengängen "relativ wenig Absolventen" heraus. Dieses Problem sei aber "an den einzelnen Universitäten unterschiedlich". Die "Produktion" eines Chemikers beispielsweise koste in Würzburg etwa 90.000 Euro, "woanders dagegen 250.000 Euro". "Das hat etwas mit der unterschiedlichen Effizienz zu tun, mit der da gearbeitet wird und deshalb muss man sehen, an welchen Standorten mit mehr und wo mit weniger Effizienz gearbeitet wird. Dann muss man möglicherweise an weniger effizienten Standorten reduzieren und effizientere noch stärken".

"Politisch brisant", so Prof. Haase, sei die Frage, wie der bis zum Jahre 2012 zu erwartende Studentenberg bewältigt werden könne. Bis dahin werde die Zahl der Abiturienten um etwa 50 Prozent ansteigen. Das könne, so der Präsident, in Würzburg und auch an allen anderen Universitäten zu einer Überlast an Studierenden von 200 bis 250 Prozent gegenüber der heutigen Überlast von 120 bis 150 Prozent führen. "Das können wir nicht leisten, weil es den Universitäten bei dem staatlich vorgegebenen Ziel einer effizienteren und schnelleren Ausbildung der Studierenden dazu dramatisch an Personal fehlt".

So werde die Konsequenz bei höherem Andrang von Studierwilligen an die Universitäten die Zunahme von Zulassungsbeschränkungen sein. Auch den Fachhochschulen werde es nicht anders gehen und so sei damit zu rechnen, dass die heutige Sparpolitik in den nächsten Jahren zu einem vermehrten Andrang von eigentlich Studierwilligen, aber nicht zum Zuge gekommenen Abiturienten, direkt auf dem Lehrstellenmarkt führen werde. "Das wird passieren, wenn wir nicht in die Lage versetzt werden, diesen anrollenden Studierendenberg abarbeiten zu können. Und wir können dies immer weniger, weil wir Personal abbauen müssen, gleichzeitig aber die Studierenden besser ausbilden und Spitzenleute auch noch fördern sollen."

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